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Thema des Monats: Mit Netzwerken zukunftssichere Krankenversorgung schaffen

Die Bundesrepublik hat schon mehr Gesundheitsreformen erlebt als der Mensch Finger hat. Und doch können wir keineswegs von einem zukunftssicheren Gesundheitssystem sprechen. Weiter steigende Kosten, eine weiterhin nicht nachhaltig angelegte Finanzierung, eine stark schwankende Qualität medizinischer Leistungen und schließlich eine völlig unzureichende Koordination der Behandlungsleistungen lassen an der Zukunftsfähigkeit der deutschen Krankenversorgung zweifeln. Deshalb ist es zwingend notwendig, eine neue Basis für unser Gesundheitssystem zu schaffen. Dieses muss künftig auf ein neues Ziel ausgerichtet werden – dem langfristig jedem Patienten zugutekommenden Nutzen. Der Ansatz dieses sogenannten Prinzips „Value based Healthcare“ ist in Deutschland noch weitestgehend unbekannt. Um hier nicht den Anschluss zu den Vorreitern in Schweden oder den Niederlanden zu verlieren, müssen zeitnah Forschungsprojekte gestartet und Ausbildungsprogramme aufgelegt werden.

Prof_Albrecht.jpgDie derzeitige Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems steht außer Frage. Während in anderen Ländern nur privat Krankenversicherte Zugang zu allen wichtigen ärztlichen Leistungen haben, viele Menschen mehr als ein Jahr auf einen Operationstermin warten müssen oder aufgrund ihres Alters keinen Gelenkersatz mehr bekommen, ist Deutschland noch weit von solchen Einschränkungen entfernt. Doch eine immer älter werdende Bevölkerung und die Zunahme an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Arterienverkalkung mit ihren vielfältigen Folgen bringen die finanziellen Grundlagen unsres Gesundheitssystems erneut ins Wanken.

Um das aufziehende Finanzproblem zu lösen, reichen Gesetzesreformen der bisherigen Machart nicht aus. Deutlich wird dies, wenn man sich die Früchte der letzten Reform anschaut. Ziel des Fallpauschalensystems war es nicht nur, die stationäre Behandlung effizienter zu machen, sondern auch einen Wettbewerb unter den Krankenhäusern anzustoßen.

Doch ist es wirklich der richtige Ansatz, dass alle Kliniken nach dem olympischen Prinzipien des „größer, schneller, weiter“ agieren? Diese Entwicklung treibt seltsame Blüten: Jedes Haus hätte gern ein Herzkatheterlabor, eine eigene Frühgeborenenstation oder einen OP-Roboter. Als Grund für diese Wünsche wird in der Regel das Prinzip einer wohnortnahen Versorgung angeführt. Doch die hat ihren Preis – und das nicht nur in finanzieller, sondern auch in qualitativer Hinsicht. Eine nicht ausreichend ausgelastete Infrastruktur ist nicht nur teuer sondern medizinisch gesehen problematisch.

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ hat unter dem Titel „Wo die Frühchen sterben“ im vergangenen Jahr das Bestreben von Krankenhausträgern und Lokalpolitikern angeprangert, auf der Versorgung von Frühgeborenen selbst in kleinen oder wenig qualifizierten Häusern zu beharren. Die Statistik aber zeigt die Gefahren dieses falschen Lokalpatriotismus: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen einer großen Zahl an Kliniken mit Frühgeborenenstation und der Säuglingssterblichkeit in einer Region. Zum Glück der Eltern ist das in Sachsen kein Thema: Die Versorgung Frühgeborener konzentriert sich in Ostdeutschland auf wenige darauf spezialisierte Zentren – mit messbarem Erfolg: Die Überlebensrate der Frühchen ist hier überdurchschnittlich hoch. Ein ausbalanciertes System an unterschiedlich ausgestatteten und qualifizierten Stationen sichert die hohe Versorgungsqualität. Je nach Geburtsgewicht und gesundheitlichem Zustand ist klar geregelt, in welcher Klinik ein Frühgeborenes behandelt wird.

Diese Arbeitsteilung muss keineswegs im Widerspruch zum Grundsatz stehen, dass jeder Patient in Deutschland die gleichen Zugangsmöglichkeiten zur Krankenversorgung hat. Denn damit ist nicht gemeint, dass jeder Patient bei jedem Krankheitsbild im jeweils nächstgelegenen Krankenhaus behandelt werden muss. – So etwas ist nur in Ballungsräumen möglich, in denen es nicht nur mehrere Krankenhäuser gibt, sondern jeweils auch ein Haus der Maximalversorgung, in denen in der Regel Ärzte aller Fachgebiete rund um die Uhr verfügbar sind.

Insbesondere bei der Notfallversorgung sieht jeder ein, dass nicht jede Klinik in der Region zu jeder Tages- und Nachtzeit eine komplette Versorgung der Patienten sicherstellen kann. Das Beispiel des akuten Schlaganfalls zeigt, dass es dennoch möglich ist, flächendeckend eine Versorgung auf höchstem medizinischem Niveau sicherzustellen. Das Zauberwort dafür heißt „Vernetzung“ und das beste Beispiel dafür ist Ostsachsen: Mittlerweile haben sich im Schlaganfall-Ostsachsen-Netzwerk (SOS-NET) 18 Partnerkrankenhäuser mit dem Dresdner Universitäts-SchlaganfallCentrum (DUSC) zusammengeschlossen, um eine lückenlose und hochwertige Versorgung von Schlaganfallpatienten in der Region sicherzustellen.

Die am SOS-NET beteiligten Kliniken können via Telemedizin auf die Kompetenz der Schlaganfallspezialisten des DUSC zurückgreifen. Dafür ist am Dresdner Uniklinikum sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag, nicht nur ein auf Schlaganfälle spezialisierter Facharzt der Neurologie erreichbar, sondern auch eine entsprechend qualifizierte neurologische Intensivmedizin, spezialisierte Neuroradiologen sowie Spezialisten benachbarter Disziplinen etwa – Neurochirurgen oder Blutgerinnungsexperten.

Außerhalb des Dresdner Uniklinikums gehören neben den drei regionalen Schlaganfallzentren Arnsdorf, Görlitz und Meißen auch die Weißeritztal-Kliniken in Dippoldiswalde und Freital, die Elblandkliniken in Riesa und Radebeul, die Kliniken in Sebnitz, Ebersbach, Zittau, Pirna, Bautzen, Bischofswerda, Radeberg, Kamenz, Weißwasser und Niesky, sowie das St. Joseph-Stift Dresden zum SOS-NET.

Zu der drei Ebenen umfassenden Struktur des SOS-NET gibt es keine Alternative. Nur so lassen sich Menschenleben retten und die Folgen eines Schlaganfalls auf das medizinisch Unabwendbare reduzieren. Dieses Netzwerk macht deutlich, welches große Potenzial eine vorbehaltlose und partnerschaftliche Zusammenarbeit von Krankenhäusern hat. Dank der Telemedizin ist es nicht notwendig, in jedem Akutkrankenhaus einen Schlaganfall-Spezialisten vorzuhalten. Das ist aber nur ein Aspekt des Prinzips „Bestmögliche Krankenversorgung zum niedrigstmöglichen Preis“. Denn jeder rechtzeitig richtig behandelte Patient, der gar nicht oder nur unter geringen Folgen des Hirninfarkts leidet, kostet den Kranken- und Rentenkassen weniger Geld, was die Sozialsysteme entlastet.
Das SOS-NET ist ein Prototyp für weitere Netzwerk-Aktivitäten im sächsischen Gesundheitswesen. Um diese zu initiieren und auf den am Anfang oft recht steinigen Wegen zu begleiten, wurde vor gut fünf Jahren die Gesundheitsregion Carus Consilium Sachsen gegründet. Maßgeblichen Anteil daran hat das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, das zusammen mit Partnern – unter anderem die AOK-Plus und die Dresden International University – damit Impulse für innovative Netzwerkaktivitäten setzt.

UKD_MediNetS_LOGO_2014_RGB.jpgIn den vergangenen Jahren sind in Ostsachsen weitere Verbünde auf den Weg gebracht worden, um eine flächendeckende, qualitativ hochwertige Krankenversorgung sicherzustellen. Hierzu zählen unter anderem das Regionale Trauma-Netzwerk Ostsachsen, die telemedizinischen Tumorboards des Dresdner Universitäts KrebsCentrums – das sind krankenhausübergreifende Arztkonferenzen zur Behandlungsstrategie einzelner Krebspatienten – oder das in diesem Jahr vom Dresdner Uniklinikum und den Elblandkliniken gegründeten Medizin-Netzwerk-Sachsen (MediNetS), das moderne Kommunikationstechnologien flächendeckend für eine qualitativ hochwertige Krankenversorgung nutzen wird.

Diese Netzwerke tragen dazu bei, das Niveau der universitären Medizin in die Fläche zu tragen. Denn das Dresdner Universitätsklinikum sieht sich keinesfalls als Gralshüter oder Elfenbeinturm. Vielmehr können innovative Netzwerke dafür sorgen, dass sich die Versorgungsqualität in den Partnerstandorten deutlich verbessert. Das SOS-NET zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass es hier nicht um einen Verdrängungswettbewerb geht: Überall dort, wo eine ärztliche Zweitmeinung ausreicht, um einen Patienten gut zu behandeln, bleibt er in dem zuerst angesteuerten Krankenhaus. Ist bei dem Schlaganfallpatienten jedoch ein Eingriff in der Hirnarterie nötig, kann er dank der Kooperation zeitnah und schnell ins Uniklinikum eingeliefert werden.

Als gut funktionierendes Netzwerk leistet das SOS-NET damit einen wichtigen Beitrag zur effizienten und hochwertigen Krankheitsversorgung: Nicht der Ort und die Strukturen sind entscheidend, sondern das Ergebnis einer Behandlung. Der langfristige Nutzen, den ein Patient durch die ärztliche und pflegerische Versorgung hat, ist das wichtigste Kriterium für das Planen, Vorhalten und Erbringen von Leistungen im Gesundheitswesen. Diesen Nutzeffekt sicherzustellen, ist das Ziel, dem sich die gesamte Behandlungskette unterordnen muss – vom einzelnen Akteur bis zum bundesweit agierenden Krankenhausträger ebenso wie die Kostenträger, die Organisationen der Ärzteschaft und die Politik.

„Value based Healthcare” heißt dieses Prinzip, das den Schlüssel für ein hoch effizientes Gesundheitswesen bildet. Entwickelt wurde es bereits vor mehr als 20 Jahren von Michael E. Porter, renommierter Wirtschaftswissenschaftler der amerikanischen Elite-Universität Harvard in Boston. Jeweils an einem Krankheitsbild orientiert, werden die Abläufe der Krankenversorgung so geplant und organisiert, dass es eine gemeinsame Verantwortung für Behandlungsergebnisse und -kosten aller Akteure gibt. Dazu müssen die Angehörigen von Ärzteschaft, Pflegenden und weiterer medizinischer Fachberufe nicht in einer Institution zusammenarbeiten, wohl aber auf verbindlicher Basis Informationen austauschen und nach abgestimmten Behandlungsleitlinien vorgehen.
Was in Deutschland nach Zukunftsmusik klingt, ist in anderen Ländern längst Realität – zum Beispiel in Schweden. Hier wird zu diesem Thema nicht nur intensiv geforscht – etwa am Stockholmer Karolinska Institutet beispielsweise zu Operationen an Hüfte und Knie – sondern in einigen Regionen bereits etabliert. Entscheidend bei der „Value based Healthcare” ist es, verlässliche und aussagekräftige Daten über den Nutzen ärztlicher und pflegerischer Maßnahmen zu erhalten. Dazu bedarf es einer großen wissenschaftlichen Expertise und entsprechenden Kapazitäten.
Um hier eine gute Ausgangsbasis zu schaffen, haben die Medizinische Fakultät und das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus das Zentrum für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) Dresden gegründet. Als unabhängige Einrichtung sammelt das ZEGV Daten aus dem Versorgungsalltag, um Qualität, Effektivität, Effizienz und den Nutzen medizinischer Interventionen verlässlich zu messen, um Wege aufzuzeichnen, diese weiter zu verbessern. Die Ansätze dazu klingen für den Laien verwirrend. Doch Versorgungsepidemiologie, Outcomes- und Effectiveness-Forschung, Versorgungsforschung, Nutzenbewertung und die Analyse von Routinedaten des Gesundheitssystems sind der Schlüssel dafür, jenseits einer am Einzelinteressen ausgerichteten Forschung – etwa der Pharmaindustrie oder medizinischer Fachgesellschaften – verlässliche Daten an die Hand zu bekommen, die das Gesundheitswesen auf lange Sicht zukunftssicher zu machen.

Angesichts der Vielfalt und Komplexität der Leistungen in der Krankenversorgung braucht es eine größere Zahl an Experten, die heute noch fehlen. Dieser Herausforderung stellt sich die Dresdner Hochschulmedizin, in dem sie in Zusammenarbeit mit der Dresden International University einen neuen Studiengang etablieren will, der Ärzte künftig zu Spezialisten auf dem Gebiet „Value based Healthcare” ausbilden wird. Damit kann sich Dresden nach der Krebsmedizin, Diabetologie und Neurodegenerativen Erkrankungen eine Spitzenposition auf einem weiteren Gebiet der Gesundheitsforschung erobern.

Prof_Albrecht.jpgProf. Dr. med. Michael Albrecht ist Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden und Erster Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD).


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