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Kranker Zahnhalteapparat führt zu Wechselwirkungen mit dem Organismus

Von PD Dr. med. Barbara Noack

Eine unbehandelte Parodontitis kann das Risiko für schwere Allgemeinerkrankungen wie Herzerkrankungen und Diabetes erhöhen

Zahnfleischentzündung und Parodontitis zählen zu den häufigsten Infektionskrankheiten in der Mundhöhle und werden durch Bakterien aus dem Zahnbelag ausgelöst. Die Parodontitis ist bei Erwachsenen eine der Hauptursachen von Zahnverlust mit all seinen Konsequenzen. Der Beginn und die Schwere des Erkrankungsverlaufs werden durch verschiedene, die Abwehrreaktionen beeinflussende individuelle Faktoren, wie unzureichende Mundhygiene, Rauchen, Stress, aber auch Allgemeinerkrankungen, bestimmt.

Neuere Untersuchungen zeigten allerdings auch, dass eine unbehandelte Parodontitis das Risiko für schwere Allgemeinerkrankungen wie Herzerkrankungen und Diabetes erhöhen kann. Neben der Zerstörung der sichtbaren Zahnhartsubstanz durch Karies können Entzündungen am Zahnfleisch (Gingivitis) und am Zahnhalteapparat (Parodontitis – fälschlicherweise in der Umgangssprache oft Parodontose genannt) zu dessen Auflösung und damit zur Zahnlockerung und letztendlich zum Zahnverlust führen. Das Risiko für Erkrankungen des Zahnhalteapparats steigt mit dem Lebensalter, wobei ein entzündetes Zahnfleisch bei über 90 Prozent der Bevölkerung auftritt – sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen. Die Parodontitishäufigkeit dagegen ist bei Jugendlichen deutlich niedriger als bei Erwachsenen. Allerdings leiden unter den 15-jährigen Jugendlichen bereits reichlich 12 Prozent an einer mittelschweren und 0,8 Prozent an einer schweren Parodontitis an mindestens einem Zahn. Diese Zahlen steigen mit steigendem Lebensalter drastisch an.

Bei knapp 53 Prozent der 35- bis 44-Jährigen tritt eine mittelschwere Parodontitis auf und 20,5 Prozent der Altersgruppe leiden unter einer schweren Form der Erkrankung. Unter den Senioren ist die Parodontitis am weitesten verbreitet. 48,0 Prozent dieser Altersgruppe sind von einer mittelschweren und fast 40 Prozent von einer schweren Ausprägung der Krankheit betroffen.

Allgemeinerkrankungen und Konditionen, die das Parodontitisrisiko erhöhen Wie die Zahnkaries werden Gingivitis und Parodontitis in der Regel durch bakterielle Zahnbeläge verursacht. Den Parodontitisverlauf und die Erkrankungsschwere beeinflussen verschiedene individuelle Faktoren entscheidend. Zu diesen Faktoren zählen das Rauchen, aber auch Allgemeinerkrankungen und Konditionen, die auf die Abwehrmechanismen des Körpers einwirken. Die Zuckererkrankung spielt diesbezüglich eine wichtige Rolle, aber auch Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht sowie schwere Erkrankungen des Immunsystems (zum Beispiel HIV, Leukämie, Zustand nach Organtransplantation) beeinflussen das Parodontitisrisiko.

Des Weiteren können verschiedene Medikamente, Stress, Hormone oder Erbfaktoren die Anfälligkeit für Gingivitis und Parodontitis erhöhen. Durch diese Erkrankungen und Faktoren kommt es zu Veränderungen der Entzündungsreaktionen im Körper und/oder einer geschwächten Abwehr gegenüber Bakterien, die ursächlich für Entstehung und Verlauf der Parodontitis verantwortlich sind.

Parodontitis als Risiko für Allgemeinerkrankungen

Auf der anderen Seite nehmen die Entzündungen in der Mundhöhle beziehungsweise die verantwortlichen Bakterien und deren Stoffwechselprodukte auch Einfluss auf die allgemeine Gesundheit. Krankheitsverursachende Bakterien aus den Zahnfleischtaschen sind zum Teil selbst in der Lage, durch die Zellen des entzündeten Zahnfleisches in die Blutbahn und damit in den Gesamtorganismus zu gelangen. Gleiches trifft für giftige Substanzen und bakterielle Stoffwechselprodukte zu. Auf der anderen Seite spielen aber auch Stoffe eine Rolle, die der Körper als Abwehr gegen die Bakterien produziert. Auch diese Entzündungs- und Abwehrsubstanzen können sich über die Blutbahn im gesamten Körper ausbreiten und Krankheiten begünstigen. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Parodontitisbakterien und ihre Stoffwechselprodukte, aber auch die Entzündungssubstanzen die Entzündung in den Gefäßwänden und damit die Arteriosklerose – die so genannte Gefäßverkalkung – begünstigen.

Dadurch wird das Risiko für das Auftreten von einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall auf bis das Doppelte erhöht. Außerdem reduzieren Bestandteile dieser Bakterien die Wirksamkeit von Insulin, welches für die Blutzuckerregulierung verantwortlich ist, sodass sich die Stoffwechsellage bei Diabetikern verschlechtern kann und es vermehrt zu Diabeteskomplikationen wie Nierenerkrankungen, Augenerkrankungen oder auch Arteriosklerose kommt. So haben an Parodontitis erkrankte Diabetiker im Vergleich zu Nicht-Parodontitis- Diabetikern eine über doppelt so hohe Sterberate aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei dem gleichzeitigen Vorliegen einer solchen schweren Parodontitis. Die Sterberate aufgrund von diabetischen Nierenerkrankungen war bei Parodontitispatienten sogar über achtmal so hoch. Es wird auch diskutiert, dass Schwangere, die an einer Parodontitis leiden, ein höheres Risiko haben, ein frühgeborenes, untergewichtiges Kind zur Welt zu bringen. Allerdings gibt es zu dieser Problematik noch recht widersprüchliche Untersuchungsergebnisse. Aber auf jeden Fall sollte sich besonders in der Schwangerschaft um gesunde Verhältnisse im Mund bemüht werden. Das liegt nicht nur im Interesse des ungeborenen Kindes, sondern auch im Interesse der Mutter, da die Entzündungsbereitschaft erhöht ist und damit auch das Risiko für das Auftreten oder das Voranschreiten einer Zahnhalteapparatserkrankung.

Weitere Erkrankungen, die unter Verdacht stehen, negativ durch Parodontitis beeinflusst zu werden, sind Lungenerkrankungen oder das Rheuma.

In den letzten Jahren konnte in einer Vielzahl von klinischen Untersuchungen gezeigt werden, dass die Behandlung einer Parodontitis nicht nur die Mundgesundheit und die Prognose für den Zahnerhalt verbessert, sondern sich auch positiv auf den Verlauf zum Beispiel der Zuckerkrankheit oder von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirkt. Diese Studienergebnisse stützen die Theorie über einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen.

Gemeinsame Risikofaktoren für Parodontitis und Allgemeinerkrankungen

Neben den Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen werden auch Faktoren diskutiert, die Parodontitis und systemische Erkrankungen gleichermaßen beeinflussen, wobei neben dem Rauchen und einer allgemein ungesunden Lebensweise (Stress, ungesunde Ernährung etc.) genetische Risikofaktoren eine bedeutende Rolle zu spielen scheinen. Die Anfälligkeit für sowohl Zahnhalteapparaterkrankungen als auch für eine Reihe chronischer Allgemeinerkrankungen wird durch angeborene Faktoren (Erbfaktoren) in entscheidendem Maße bestimmt. Die Art und das Ausmaß der Wirtsreaktionen auf den Angriff der Parodontitis-Mikroorganismen, das heißt die lokale Entzündungs- und Abwehrantwort, ist zumindest teilweise von Erbfaktoren vorgegeben. Das Gleiche gilt für verschiedene chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Somit kann beim Vorliegen einer besonderen erblichen Veranlagung das Risiko für das Auftreten sowohl für Parodontitis als auch für systemische Erkrankungen gleichermaßen erhöht sein.

Fazit: Gingivitis und Parodontitis werden durch Bakterien im Zahnbelag ausgelöst, Schwere und Verlauf der Erkrankung sind jedoch hauptsächlich von der Körperabwehr abhängig, die durch eine Vielzahl von Allgemeinerkrankungen und andere individuelle Faktoren bestimmt wird. Demgegenüber scheint die Parodontitis aber auch selbst den Verlauf und das Risiko systemischer Erkrankungen zu beeinflussen, wobei Diabetes oder chronische Herz-Kreislauf- Erkrankungen besonders betroffen sind. Mit anderen Worten: eine gute Mundgesundheit wirkt sich auch positiv auf die Allgemeingesundheit aus. Deshalb ist die Vorbeugung beziehungsweise Behandlung von Zahnfleischerkrankungen als Grundvoraussetzung für langfristigen Zahnerhalt ebenso wichtig für das Vermeiden und Bekämpfen weitverbreiteter chronischer Allgemeinerkrankungen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Medizin und Zahnmedizin ist für die Zukunft unverzichtbar, um dem scheinbar unaufhaltsam steigenden Auftreten chronischer Erkrankungen entgegenzuwirken.

Kontakt

Die Autorin PD Dr.med. Barbara Noack ist Fachzahnärztin und ist als Oberärztin an der Poliklinik für Parodontologie tätig. Sie ist unter der Telefonnummer 0351 458-3057 oder per E-Mail: barbara.noack@uniklinikum-dresden.de erreichbar.

Weitere Informationen

UKD ZMK Zahnwelt - Ausgabe 3Die UniversitätsZahnmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus gibt seit 2011 das Patientenmagazin „Dresdner Zahnwelt“ heraus, aus dem der nebenstehende Beitrag zur Parodontitis als Risiko für Allgemeinerkrankungen entnommen wurde. Die Publikation ist als pdf-Datei im Internet unter www.uniklinikum-dresden.de/uzm abrufbar. Gedruckte Exemplare liegen zudem in den zahnmedizinischen Ambulanzen des Universitätsklinikums aus. Weitere Themen der aktuellen Ausgabe sind „Mundpflegemaßnahmen gegen lebensbedrohliche Komplikationen“, „Kinder für Studie zur Zahnschutzschicht gesucht“ und: „Gerade Zähne wie von Geisterhand“. Auf der hinteren Umschlagseite stellen sich ausgewählte Behandlungsteams der UniversitätsZahnmedizin mit ihren Kontaktdaten vor.

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