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Mit Zuwendung und High-Tech täglich Menschenleben rettenPatientin Ute Hinz profitierte vom hohen Betreuungsschlüssel auf den Intensivstationen und spricht auf der von Prof. Thea Koch, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie, organisierten Veranstaltung „Intensivmedizin – Der Mensch im Fokus“ über ihre Erfahrungen im Dresdner Universitätsklinikum.
06. Oktober 2017

Mit Zuwendung und High-Tech täglich Menschenleben retten

Uniklinikum beteiligt sich an bundesweiter Kampagne „Zurück ins Leben“ / Infoabend am 11. Oktober zur Intensivmedizin / Patientin berichtet über sechs Wochen Intensivstation

Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden ist eines von wenigen hochspezialisierten Krankenhäusern, die Patienten mit schwersten Formen des Lungenversagens behandeln können. Diese Fälle sind ein Beleg für die weiter zunehmende Rolle der Intensivmedizin in der stationären Krankenversorgung. Da diese Disziplin in der Öffentlichkeit häufig als seelenlose Apparatemedizin wahrgenommen wird, haben die anästhesiologische Fachgesellschaft und der Berufsverband die Kampagne „Zurück ins Leben“ auf den Weg gebracht. Als eine der Mitinitiatoren veranstaltet Prof. Thea Koch, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des Dresdner Uniklinikums, am Mittwoch, dem 11. Oktober, ab 18 Uhr eine Informationsveranstaltung mit dem Thema „Intensivmedizin – Der Mensch im Fokus“ im Diagnostisch-Internistisch-Neurologischen Zentrum (Haus 27).

Ute Hinz' Leben hing am seidenen Faden: Selbst das künstliche Koma, in das sie die Intensivmediziner versetzt haben und die damit verbundene künstliche Beatmung reichte nicht aus, um die sich weiter verschärfende Lungenentzündung in den Griff zu bekommen. Wer der 50-Jährigen heute gegenübersitzt, mag gar nicht glauben, dass sie sechs Wochen intensivmedizinisch betreut werden musste. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in einer Rehaklinik und einer Zeit der beruflichen Wiedereingliederung arbeitet sie heute wieder in ihrem Beruf als Firmenkundenbetreuerin.

„Viele Menschen verbinden die Intensivstation (ITS) mit einer seelenlosen Apparatemedizin“, sagt Prof. Thea Koch. „Doch das stimmt so gar nicht. Auf keiner Station ist der Betreuungsschlüssel so hoch wie auf einer ITS.“ Hier kommt auf ein bis zwei Patienten eine speziell ausgebildete Pflegekraft. Dieser Personalschlüssel gilt rund um die Uhr. So kann auch eine persönliche Beziehung entstehen, weil es eben nicht nur darum geht, die Vitalwerte der Patienten zu kontrollieren, ihnen Medikamente zu geben, sie zu lagern und zu waschen. Selbst im Koma nehmen Patienten Berührungen wahr. Deshalb ist der persönliche Umgang ebenso wichtig wie die Kontakte zu den Angehörigen.

Der Lebensgefährte von Ute Hinz kam jeden Mittag auf die ITS, um bei ihr zu sein, mit ihr zu sprechen, sie zu streicheln – ganz egal, ob sie darauf reagieren konnte oder nicht. Wenn sie sich heute an diese Situationen erinnert, wird die sonst so entschieden auftretende Frau emotional: „Einen größeren Liebesbeweis gibt es nicht“, sagt die Dresdnerin. Der Umgang mit einem Patienten, der auf der Intensivstation versorgt wird, ist für viele Menschen eine Herausforderung. Deshalb gehört es zur selbstverständlichen Aufgabe des von Marco Reinhardt geleiteten Pflegeteams sowie der behandelnden Ärzte, die Besucher zu ermuntern, den ihnen nahestehenden Personen auch dann regelmäßig nahe zu sein, wenn sie aufgrund des Komas keine deutlichen Reaktionen zeigen.

Bei Ute Hinz war die Zeit auf der ITS ein Auf und Ab. Mehrmals war ihr Zustand so kritisch, dass sie wieder ins künstliche Koma versetzt werden musste. Eine Situation, die auch der Patientin den Lebensmut nahm. Um das Leben der 50-Jährigen zu retten, nutzten die Anästhesisten, die sogenannte Extrakorporale Membranoxygenierung – ECMO. Diese Therapieform fand Anwendung, weil die Lungenfunktion von Ute Hinz so stark eingeschränkt war, dass ihr Organismus nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde. Mit Hilfe des Geräts wurde so das Blut von Ute Hinz außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert und von CO 2 befreit. Nur zwei Zentren in Sachsen bieten diese Therapie mit einem spezialisierten ECMO-Team, das am Uniklinikum von Privatdozent Dr. Peter Spieth geleitet wird an. Gerade weil nur wenige Patienten diese hochspezielle Therapie benötigen – das Dresdner Uniklinikum zählte 2016 insgesamt 35 Fälle – macht es Sinn, diese Versorgung auf wenige Zentren zu konzentrieren.

Dank der ECMO-Therapie konnte sich die durch Bakterien angegriffene Lunge der Patientin innerhalb von nur sechs Tagen so weit erholen, dass sie wieder selbst atmen konnte. Nicht nur die Behandlung, sondern auch die darauffolgende Entwöhnung von der maschinellen Beatmung bedarf der Expertise eines besonders qualifizierten Teams. Parallel war es gelungen, die Entzündung, die neben der Lunge auch andere innere Organe angegriffen hatte, mit Medikamenten zu stoppen. „Es handelte sich um eine eigentlich gut bekämpfbare Infektion“, sagt Oberarzt Spieth, also nicht um einen der Erreger, der gegenüber Antibiotika resistent ist. Auch hatte Ute Hinz die Infektion ‚ambulant‘ also nicht erst während der Behandlung, sondern bereits zu Hause erworben. Und doch hatte sich die Entzündung rasend schnell ausgebreitet, so dass die 50-Jährige in höchster Lebensgefahr schwebte.

Ute Hinz war froh, als sie nach sechs Wochen die Intensivstation verlassen konnte. Schon damals versprach sie, einmal zurückzukommen, um sich bei dem ITS-Team zu bedanken: „Ich fühlte mich sehr gut betreut. Es war immer jemand für mich da“, erinnert sie sich. Tatsächlich ist die Betreuung auf diesen Stationen so persönlich, wie sie woanders im Krankenhaus gar nicht möglich ist, denn hier ist neben den ausgebildeten Pflegekräften ständig auch ein Facharzt präsent. Tagsüber kommen Physiotherapeuten und bei Bedarf weiteres Fachpersonal auf die ITS, um die Patienten zu betreuen. Trotzdem hinterlässt das lange Liegen seine Spuren: Die Muskulatur von Ute Hinz hatte sich durch die wenige Bewegung erheblich abgebaut. Die drei dem Klinikaufenthalt folgenden Monate verbrachte sie deshalb in einer Reha-Klinik, um ihre frühere Leistungsfähigkeit wiederzugewinnen.

Patienten wie Ute Hinz die unter schwersten Entzündungen leiden, sind nur ein Teil der Patienten, für die im Dresdner Uniklinikum insgesamt 125 ITS-Betten zur Verfügung stehen. Mehr als die Hälfte der intensivtherapiepflichtigen Patienten kommt nach großen Operationen – zumeist im Bereich des Brust- und Bauchraums oder des Gehirns – für einige Tage auf eine der Intensivstationen. Ein weiterer Teil der Patienten sind Opfer schwerer Unfälle. Prof. Thea Koch ist sich sicher, dass die Intensivmedizin weiter an Bedeutung gewinnen wird. Denn die Patienten werden immer älter und die Medizin bietet immer mehr Möglichkeiten, sie erfolgreich zu behandeln – chirurgisch wie internistisch. In nicht wenigen Fällen ist die Intensivmedizin wichtiger Teil einer interdisziplinären Therapie.

Um Patienten und ihre Angehörigen entsprechend aufzuklären und ihnen die Ängste und Bedenken zu nehmen, hat die Klinik eine Broschüre mit dem Titel „Die Intensivstation – ein Wegbegleiter für Angehörige“ aufgelegt, dessen Konzept im Rahmen der Kampagne „Zurück ins Leben“ entstand. Dasselbe Ziel hat die Informationsveranstaltung mit dem Thema „Intensivmedizin – Der Mensch im Fokus“, die stattfindet am

Mittwoch, dem 11. Oktober, ab 18 Uhr
im Diagnostisch-Internistisch-Neurologischen Zentrum (Haus 27)
des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden,
Fetscherstraße 74, 01307 Dresden
(Eingang über die Hauptpforte Fiedler-/Ecke Augsburger Straße).

„Wir möchten Interessierten die Arbeitsweise und Abläufe auf unserer Intensivstation verständlich darstellen und aufzeigen, warum der Einsatz hochtechnischer Innovationen in der Intensivtherapie unumgänglich, aber nicht das Hauptmerkmal unserer Arbeit mit den Patienten ist“, sagt die Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie. Auf der Veranstaltung kommen auch Ute Hinz und ihr Lebenspartner zu Wort. Sie schildern, wie sich die anfangs aussichtslos erscheinende Situation zum Positiven wenden kann. Die Leiter der Intensivstation Prof. Dr. Maximilian Ragaller und PD Dr. Peter Spieth sowie der pflegerische Leiter Marco Reinhardt erklären an diesem Abend, wie Angehörige den Patienten in dieser Krisensituation effektiv helfen können, zeigen aber auch auf, welche psychologischen und seelsorgerischen Hilfsmöglichkeiten den Betroffenen zur Verfügung stehen. Weiterhin werden Herr Dr. Ulf Bodechtel aus der Klinik Bavaria Kreischa sowie die Allgemeinmedizinerin Frau Prof. Dr. Antje Bergmann rund um das Thema der anschließenden Rehabilitation und der ambulanten Nachsorge informieren.

Hintergrundinformation zur Kampagne „Zurück ins Leben“
„Zurück ins Leben" ist eine Kampagne des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten e.V., der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. sowie der Stiftung Deutsche Anästhesiologie e.V. Ziel der Kampagne ist die  Aufklärung, Motivation und Würdigung der Intensivmedizin. Denn die Intensivmedizin entspricht nicht dem landläufigen Klischee einer abstrakten Apparatemedizin. Vielmehr stehen der Patient und seine Angehörigen im Fokus. Menschliche Zuwendung und Individualität der Patienten spielen in der intensivmedizinischen Versorgung durch Ärzte und Pflegekräfte eine wichtige Rolle.

Die Intensivmedizin ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnostik und Therapie akut lebensbedrohlicher Zustände und Krankheiten befasst. Dies geschieht meist in besonders ausgestatteten Stationen eines Krankenhauses, den sogenannten Intensivstationen, die baulich und gerätetechnisch aufwendig ausgestattet sind. In größeren Krankenhäusern oder Spezialkliniken gibt es oft mehrere fachspezifische Intensivstationen – beispielsweise für Patienten mit akuten Herzproblemen und internistischen Erkrankungen, die sogenannte „Stroke Unit“ für Patienten mit einem Schlaganfall oder Intensivstationen für chirurgische Patienten, die nach einer Operation dort weiterbetreut werden. Die Intensivstationen in Deutschland zählen pro Jahr mehr als zwei Millionen behandelte Menschen. Rund ein Fünftel der Patienten müssen im Rahmen ihres Aufenthalts beatmet werden. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt etwa zehn Tage.

Mehr als 20.000 Betten auf Intensivstationen sind verfügbar. Rund 1.200 der mehr als 2.000 Krankenhäuser haben Intensivbetten. Phasenweise können Kapazitäten auf den Intensivstationen knapp werden, was zu längeren Transporten von Patienten in das nächste Krankenhaus mit freien Betten führen kann. Deutschlandweit hat die Intensivmedizin einen Anteil von etwa 20 Prozent an den Krankenhauskosten. Durch immer bessere medizinische und technische Möglichkeiten – wie zum Beispiel der vorübergehende maschinelle Organersatz - werden die Behandlungsfälle immer aufwendiger, gleichzeitig die Chance für das Überleben aber auch immer größer.

Kontakt für Journalisten
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie
Direktorin: Prof. Dr. med. Thea Koch
Tel. 0351/ 4 58 4110
E-Mail: Thea.Koch@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/anae
www.zurueck-ins-leben.de