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Netzwerk soll Versorgung von Parkinson-Patienten verbessern
27. September 2018

Netzwerk soll Versorgung von Parkinson-Patienten verbessern

Konzept „Parkinsonnetz Ostsachsen“ steht im Mittelpunkt einer Fortbildung in der Sächsischen Landesärztekammer

Gemeinsam mit der Sächsischen Landesärztekammer (SLÄK) stellen Experten des Elblandklinikums Meißen, der Klinik am Tharandter Wald und des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden am Sonnabend (29. September) in der SLÄK eine neue, sektorenübergreifendende Versorgungsstruktur für Parkinson-Patienten vor: Ziel des „Parkinsonnetzwerks Ostsachsen“ – kurz PANOS – ist es, die Basis für mehr Versorgungsgerechtigkeit in der Region herzustellen, indem möglichst alle Betroffenen unabhängig von ihrem Wohnort die komplette Bandbreite möglicher Diagnostik und Therapie in Anspruch nehmen können. Angesichts der aktuell 15.000 Parkinson-Patienten in Ostsachsen – eine Zahl, die sich im nächsten Jahrzehnt verdoppeln wird – lässt sich dieses Ziel nur durch ein flächendeckendes Netzwerk sowie mit innovativen telemedizinischen Lösungen erreichen. Die Patienten profitieren nicht allein durch eine im Alltag erhöhte Lebensqualität, sondern auch dadurch, dass sie weniger sturzbedingte Knochenbrüche erleiden, seltener in Pflegeheime kommen und nicht zuletzt durch einen Rückgang parkinsonbedingter Sterbefälle.

Mehr als die Hälfte der 2016 ins Dresdner Uniklinikum stationär eingewiesenen Parkinson-Patienten kamen aufgrund eines Notfalls, der häufig durch eine bessere Versorgung vermeidbar gewesen wäre. Durch diese nicht planbaren stationären Aufenthalte fehlen der Klinik für Neurologie Kapazitäten, um möglichst viele Betroffene rechtzeitig so zu betreuen, dass die Symptome bestmöglich gelindert und die Lebensqualität bewahrt werden kann. Doch deutlich schwerwiegender wirkt sich der Ärztemangel außerhalb der Ballungsgebiete auf die Situation der Parkinson-Patienten aus: Ein Blick in die Statistik zeigt, dass besonders die dort lebenden Betroffenen benachteiligt sind. Während in Dresden nur 16 Prozent der Patienten ausschließlich von Hausärzten versorgt werden, sind es im ländlichen Raum bis zu 40 Prozent. „Studien haben gezeigt, dass Parkinson-Patienten von einem gesicherten Zugang zu Neurologen erheblich profitieren – sogar die Sterblichkeit sinkt bei der Versorgung durch einen solchen Facharzt. Wenn dies aufgrund fehlender niedergelassener Fachärzte nicht möglich ist, müssen wir handeln, um die Versorgungsgerechtigkeit wiederherzustellen“, sagt Prof. Heinz Reichmann. Der Direktor der Klinik für Neurologie am Dresdner Uniklinikum ist als Arzt und Wissenschaftler ein weltweit anerkannter Parkinson-Experte.

Mit dem Ziel, die Versorgungsgerechtigkeit und -qualität perspektivisch zu verbessern, haben Prof. Reichmann und sein Klinikteam gemeinsam mit Spezialisten des Elblandklinikums Meißen und der Klink am Tharandter Wald – die einzige entsprechend zertifizierte Parkinson-Fachklinik in Sachsen – das „Parkinsonnetzwerk Ostsachsen“ (PANOS) ins Leben gerufen. Dieses Netzwerk möchte vor allem eines: Möglichst viele Partner gewinnen, um gemeinsam mit weiteren Kliniken, niedergelassenen Ärzten, Patientenorganisationen, Krankenkassen sowie berufsständischen Organisationen wie der Landesärztekammer den Zugang von Patienten mit fortgeschrittenem Parkinsonsyndrom zu einer komplexen, lebensqualitätsverbessernden Parkinsontherapie verbessern. Zurzeit ist dies oft aus strukturellen oder organisatorischen Gründen eingeschränkt. Ursachen für dieses Defizit ist der zunehmende Ärztemangel in der Fläche sowohl auf dem Gebiet in der Allgemeinmedizin als auch in der Neurologie. Dadurch sinken die Chancen vieler Betroffener, eine umfassende, dem aktuellen Stand der Medizin gemäße Behandlung zu erhalten. Hinzu kommen die Budgetierung im ärztlichen Leistungs- und Verordnungsbereich durch die Krankenkassen und nicht zuletzt die Strukturbrüche im Versorgungsprozess – also den Übergängen zwischen niedergelassenen Ärzten, Akut- und Rehakliniken.

„Ziel von PANOS ist es aber nicht nur, die aktuelle Versorgungssituation von Parkinson-Patienten zu verbessern. Es ist eine dringend notwendige Investition in die Zukunft: Mit dem Netzwerk wollen wir sicherstellen, dass die guten, aber komplexen und aufwändigen Therapiemöglichkeiten auch dann Betroffenen noch offenstehen, wenn deren Zahl demographiebedingt weiter ansteigt“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Hochrechnungen gehen davon aus, dass allein in Ostsachsen im Jahr 2030 rund 35.000 Menschen mit einer Parkinson-Diagnose leben werden. Auch ein Zuwachs an niedergelassenen Ärzten könnte in dieser Situation das Problem nicht lösen. Ein erfolgversprechender Ansatz sind dagegen technische Innovationen insbesondere in der Früherkennung sowie im telemedizinischen Austausch. Durch ein Netzwerk, in dem die ambulant tätigen Fachärzte intensiv mit ihren Kollegen in spezialisierten Akutkrankenhäusern und Reha-Kliniken zusammenarbeiten, lassen sich Parkinsonpatienten effizienter und dennoch besser versorgen.

Wie wichtig es ist, die Versorgung besser zu koordinieren, zeigt das Beispiel der Tiefenhirnstimulation – kurz THS. Bei dieser Therapie sorgen zwei direkt ins Gehirn implantierte Sonden dafür, dass viele beeinträchtigende Hauptsymptome des Morbus Parkinson wie Unterbeweglichkeit oder Zittern wesentlich verbessert werden, oft mit einem erheblichen Effekt auf die Lebensqualität. Damit ist es den Parkinson-Patienten möglich, selbst in einem fortgeschrittenen Stadium den Alltag ohne intensive Unterstützung zu meistern. Auch wenn die THS nicht bei allen Betroffenen eingesetzt werden kann, zeigt die Statistik auch hier ein deutliches Defizit bei der Versorgungsgerechtigkeit: In Dresden profitieren sechs Mal mehr Patienten von einer Tiefenhirnstimulation als Menschen in ländlichen Regionen. Dies liegt zum einen daran, dass die Sonden der THS nur durch einen spezialisierten Neurochirurgen implantiert werden können – in Ostsachsen ist das Dresdner Uniklinikum das einzige Krankenhaus mit dieser Expertise. Es kann jedoch zusätzliche Kapazitäten mobilisieren, um weitere geeignete Patienten zu versorgen und damit mehr Gerechtigkeit und Lebensqualität herstellen.

„Keine Klinik und kein Arzt kann diese Herausforderung alleine meistern. Wir brauchen PANOS als ein sektorübergreifendes Netzwerk an motivierten Partnern. Niedergelassene Ärzte und Kliniken können als Akteure von PANOS wesentlich dazu beitragen, Zugangshürden anzubauen, einen gleichberechtigten Zugang zu Spezialisten zu sichern sowie die Zahl derjenigen Betroffenen zu steigern, die mit einer THS oder auch mit Pumpentherapien versorgt werden“, betonen Chefarzt PD Dr. Martin Wolz vom Elblandklinikum Meißen und Dr. Peter Themann, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Neurologie der Klinik am Tharandter Wald. „Dazu müssen alle Patienten die Chance bekommen, dass diese Behandlungsoptionen auch rechtzeitig geprüft werden“, sagt Dr. Kai Loewenbrück von der Klinik für Neurologie des Dresdner Uniklinikums. Der Facharzt koordiniert die Aktivitäten zum Aufbau des Netzwerks, an dem allein im Uniklinikum der Vorstand, die Kliniken für Neurologie und für Neurochirurgie, der Zentralbereich Qualitäts- und Medizinisches Risikomanagement sowie das Zentrum für evidenzbasierte Gesundheitsversorgung beteiligt ist. Partner ist zudem die Medizinische Fakultät der TU Dresden mit dem Institut für Medizinische Informatik. Als externe Partner beteiligen sich bereits in der Startphase neben dem Elblandklinikum Meißen und der Klinik am Tharandter Wald das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, das nicht zuletzt die Räumlichkeiten für das neugegründete ParkinsonZentrum Dresden bereitstellt.

Weitere Informationen
www.uniklinikum-dresden.de/neu
www.parkinsonnetz-ostsachsen.de (Website wird voraussichtlich am 28. September freigeschaltet).

Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Dr. med. Kai Loewenbrück
Telefon: 0351 458 1 85 18
Fax: 0351 458 53 53
E-Mail: kai.loewenbrueck@uniklinikum-dresden.de