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Persönlichkeitsstörung

Persönlichkeitsstörungen werden solche Probleme genannt, die im Zusammenhang mit dem Charakter, der Persönlichkeit des Menschen, stehen und meist in Beziehungen zu anderen Menschen deutlich werden, z.B. kann jemand zuviel Ordnungssinn haben und dadurch so langsam sein, dass er Aufgaben nicht zu Ende bringt und andere sich dann über ihn ärgern bzw. er selbst ärgert sich über die anderen, die die Aufgaben zu leicht nehmen und Fehler machen. Oder jemand ist extrem sparsam und verlangt auch von anderen, Geld in seinem Sinne nicht unnötig auszugeben, sodass er andere kontrolliert. Oder jemand ist sehr sprunghaft, weiß nicht richtig, was er will, weil sich das schnell ändern kann, ist launisch und gereizt und ärgert sich später über sich selbst, sodass er sich zurückzieht und in Selbstwertkrisen gerät.

Das Klassifikationssystem DSM-IV beschreibt Persönlichkeitsstörungen folgendermaßen:

Es besteht:

A. Ein überdauerndes Muster von innerem Erleben und Verhalten, das merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht. Dieses Muster manifestiert sich in mindestens 2 der folgenden Bereiche:

  • Kognition (also die Art, sich selbst, andere Menschen und Ereignisse wahrzunehmen und zu interpretieren)
  • Affektivität (also die Variationsbreite, die Intensität, die Labilität und Angemessenheit, emotionaler Reaktionen)
  • Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen
  • Impulskontrolle

B. Das überdauernde Muster ist unflexibel und tief greifend in einem weiten Bereich persönlicher und sozialer Situationen.

C. Das überdauernde Muster führt in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.

D. Das Muster ist stabil und lang dauernd, und sein Beginn ist zumindest bis in die Adoleszenz oder ins frühe Erwachsenenalter zurückzuverfolgen.

E. + F. Das Muster ist nicht als Folge einer anderen psychischen Störung oder auf die Wirkung einer Substanz oder einer Hirnverletzung zu erklären.

Nach DSM-IV lassen sich die Persönlichkeitsstörungen (PS) in 3 Cluster zusammenfassen:

  • Cluster A (sonderbar, exzentrisch): paranoide PS, schizoide PS, schizotypische PS
  • Cluster B (dramatisch, emotional, launisch): antisoziale PS, Borderline-PS, histrionische PS, narzisstische PS
  • Cluster C (ängstlich, furchtsam): ängstlich-vermeidende (selbstunsichere) PS, dependente (abhängige) PS, zwanghafte (anankastische) PS

Hauptmerkmale ausgewählter Persönlichkeitsstörungen aus dem DSM-IV:

  • Paranoide Persönlichkeitsstörung: Muster von Misstrauen und Argwohn und zwar in dem Sinne, dass die Motive anderer als böswillig ausgelegt werden
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Muster von Instabilität in zwischenmensch- lichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung: Muster von übermäßiger Emotionalität und von Verlangen nach Aufmerksamkeit
  • Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Muster von ständiger Beschäftigung mit Ordnung, Perfektionismus und Kontrolle

Das Konzept der Persönlichkeitsstörungen wird kontrovers diskutiert: gibt es nicht eher fließende Übergänge zwischen Persönlichkeitszügen, die mal mehr oder mal weniger ausgeprägt sind? Kann man die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen so gut voneinander abgrenzen, dass sie sicher diagnostiziert werden können?

Sind die Bezeichnungen für die Persönlichkeitsstörungen nicht oft auch entwertend? z.B. „sie ist hysterisch“, sodass immer wieder neue, weniger diskriminierende Begriffe gesucht werden.

Meist kommen Patienten nicht direkt in die psychosomatische Klinik, um eine Persönlichkeitsstörung behandeln zu lassen (eine Ausnahme stellt hierbei die Borderline-Störung dar), sondern wegen Ängsten, Depressionen, Schmerzen, Mobbing oder Beziehungsproblemen. Dies hat damit zu tun, dass die Persönlichkeit eben zum Menschen gehört, dass man sich selbst nur durch die Rückmeldung anderer von außen sehen kann.

Im Erstkontakt der Voruntersuchung oder auch erst im Gruppenkontext fällt dann ein Persönlichkeitszug auf, der es den Patienten z.B. schwer macht, an seinem ursprünglichen Problem etwas zu verändern oder längerfristig stabil zu bleiben, ein Hinweis auf eine Persönlichkeitsstörung.

Kann der Patient mit Hilfe der Therapie seine Persönlichkeitszüge und damit verbundene Probleme mit anderen leichter erkennen, gelingt es mit der Zeit, sich selbst besser wahrzunehmen, andere leichter zu verstehen und die Kommunikation zu verbessern bzw. sozial kompetenter in Kontakt zu treten. Teilweise ist es auch sinnvoll, ein geeignetes Umfeld zu suchen, in dem es eine Passung gibt zwischen den Patienten mit Persönlichkeitsauffälligkeiten und der sozialen Umwelt. Z.B. fühlen sich Borderline-Patienten oft in der Klinik wohl, wenn sie andere Borderline-Patienten treffen, die sie in ihrer Impulsivität leichter verstehen können und mit denen sie sich austauschen können. Längerfristig ist eine „Borderline-Klinik“ natürlich nicht die richtige Umgebung, d.h., dann kommt es darauf an, auch sonst Menschen zu finden, die sich nicht so schnell verunsichern lassen von heftigen Gefühlen.

Lange galten Persönlichkeitsstörungen als schwer behandelbar, als nahezu unveränderbar wie ein Charakter („der ist halt so…“): Inzwischen gibt es aber durch die immer intensivere Forschung ganz andere Hinweise zu Therapieverläufen, die auf eine gute Behandelbarkeit hindeuten, in denen sich Veränderungen in den „inflexiblen“ Persönlichkeiten zeigen. Patienten lernen, eigenes Problemverhalten zu erkennen, besser mit den eigenen Besonderheiten umzugehen, neu erlernte Fertigkeiten anzuwenden und die Reaktionen anderer auf eigenes Problemverhalten leichter zu verstehen.