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Betroffenenberichte

Betroffenenberichte

Ein paar unserer Patienten haben hier Ihren Alltag mit der Essstörung und Ihren Aufenthalt in unserer Klinik aufgeschrieben.

Erfahrungsbericht von Theresa (18 Jahre), Patientin mit Bulimie

Schleichend trat die Waage in mein Leben und Zahlen und Kontrolle bestimmten den Alltag…

Es hat eine ganze Weile gedauert bis mir klar wurde, dass etwas nicht stimmt. Zu der Zeit wohnte ich nicht zu Hause, sondern war zum Schüleraustausch. Meine gesamte Einstellung Essen gegenüber hatte sich zunächst unbemerkt, letztlich aber deutlich geändert. Süße und fettige Sachen standen nicht mehr auf der Speiseliste.

Irgendwann begannen Tage der Katastrophe. Plötzlich war da das Verlangen nach allem, was sonst verboten war. Anfangs habe ich noch mit Schuldgefühlen gegessen. Doch dann kam der Tag an dem das Essen das erste Mal den Weg rückwärtsging.

Die Erleuchtung kam, als es für mich nicht mehr möglich war, nach dem Essen die Toilette nicht aufzusuchen, um alles wieder loszuwerden, was ich meinem Körper „antat“. Nur Obst und Gemüse blieben dort wo Nahrung hingehört. Die Angst wieder zuzunehmen wuchs mit jedem Tag, mit jeder Mahlzeit.

Ich wollte auf keinen Fall in die Klinik, da das Abi aussteht und ich sowieso schon ein Jahr älter bin als die Meisten. Ich begann eine ambulante Therapie. Zwischendurch war ich auf Klassenfahrt. Eine Woche nichts essen und ein grauenhaftes Wochenende folgten. Nach dieser Woche begann die intensive Therapie und es gab viele Veränderungen zu Hause. Ich hatte mich an einen Essensplan zu halten. Es gab keine Mahlzeit ohne Aufsicht. In der Schule musste ich im Sekretariat und mit einer Lehrerin essen. Wenn ich allein zu Hause war, wurden Küche, Abstellraum und Bad verschlossen.

Dann kam der Tag an dem mir angekündigt wurde wieder einmal Kuchen und Kekse essen zu müssen. Das war die erste Katastrophe. Die zweite folgte kurz darauf. Ich hatte Geburtstag. Am Tag darauf zeigte die Waage einfach nur zu viel an, viel zu viel.

Ich fiel zurück in den Teufelskreis, den ich gedacht hatte überwunden zu haben. Alles wurde immer schlimmer, schlimmer als zuvor. Ich begann wieder verbotene Dinge zu tun. Das erste Mal in meinem Leben belog und verarschte (es gibt kein anderes Wort) ich meine Eltern, besonders meine Mutter und zwar so richtig. Ich wollte mir selbst nicht eingestehen, was ich für Sch… machte. Ich hatte jegliche Selbstachtung vor mir verloren. Ich schwieg über alles, was passierte, wenn ich allein war. Vielleicht sah man es mir aber auch an.
Ich fühlte mich schlecht, hasste mich, mein Leben und die gesamte Welt. Jeden Tag nahm ich mir auf neue vor wieder aufzuhören. Es war zwecklos. Zwei Wochen nach meinem Geburtstag. Eigentlich sollte an diesem Tag nur ein Therapeutenwechsel stattfinden. Doch es kam anders. Ein Gespräch fand statt mit dem Endresultat: Empfehlung Klinik. Ich selbst war mir der Sache bewusst, schon vor dem Gespräch. Ich wollte nicht in die Klinik, da ich somit mein Abi wegen Fehlzeit gefährden würde. Mein Bericht über die letzten zwei Wochen endete mit den Worten „Wenn ich auf die letzte Zeit zurückschaue, würde ich mich selbst einweisen“. Das war der ausschlaggebende Punkt. Von da an wurden die Dinge geklärt, die für den Klinikaufenthalt wichtig waren.

Ich wusste nicht wirklich was mich erwartet. Die Angst vor der bevorstehenden Zeit war groß.

Für mich waren die ersten zwei Tage der reinste Horror und ich wollte nur zurück nach Hause. Ich war meiner Freiheit voll und ganz beraubt wurden und hatte keine Lust mit irgendjemand zu reden. Ich fühlte mich wie im Gefängnis.

Nach und nach gewöhnte ich mich an alles. Die Therapien begannen und langsam kam der Kontakt zu meinen Mitpatienten. Das erste Mal erkannte ich, dass ich überhaupt nicht allein in der Welt mit dem Essproblem bin. Die Therapien machten sogar Spaß. Am Meisten haben mir die Einzelgespräche mit meinem Therapeuten genutzt. Da wurde direkt auf meine Probleme eingegangen, welche sich in bestimmten Sachen doch von dem der anderen unterschieden.

Vor allem in Gesprächen mit andern wurde mir bewusst, dass ich etwas ändern will. Ich versuchte mich selbst mehr zu motivieren, denn es gab oft jemanden, dem es richtig schlecht ging. Wir bemühten uns dann uns gegenseitig aufzubauen. Wer kann einen Essgestörten besser verstehen als ein Essgestörter selbst? Indem ich es schaffte selbst gegen alte Gedanken anzukämpfen, rückte die Entlassung in Sichtweite.

Der Tag der Entlassung war ein lang ersehnter. Ich wollte in die Schule zurück und endlich mein Leben wieder in meine Hände nehmen. Bis ich dazu allein sicher in der Lage bin, wird es aber noch dauern. Schrittweise übernehme ich wieder die Verantwortung für mein Leben.

Der Klinikaufenthalt bedeutete nicht alles ist wieder normal sobald man rauskommt. Für mich war es wichtig und richtig, denn ich weiß nicht wie weit ich noch abgerutscht wäre. Es war ein Stopp-Zeichen. Damit habe ich den ersten großen Schritt gegen die Krankheit getan. Während des Aufenthalts ist mir erst bewusst geworden wie sehr ich von der Essstörung eingenommen war.

Jetzt kommt der eigentliche Part: wieder normal leben zu lernen. Dabei habe ich schon oft an Gruppen- und Einzeltherapien zurückgedacht. Wenn mir einmal wieder alles zu viel wird, helfen mir Dinge die ich gelernt habe.

Im Nachhinein denke ich, dass die Klinik der schnellste und beste Weg war den Teufelskreis zu durchbrechen. Man wird aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen. Von einem Tag auf den anderen hat das Leben eine völlig neue Struktur. Die psychische Entlastung für meine Familie und für mich hat das Leben insgesamt sehr erleichtertet. Eine der mit wertvollsten Erfahrungen für mich war, man ist nicht allein und es gibt auch andere, die über die Essstörung reden müssen.

Erfahrungsbericht von Moritz (13 Jahre), Patient mit Anorexie

Tobsuchtzelle, Zwangsjacke und vergitterte Fenster...so sieht für fast jeden die klassische Psychiatrie aus! Oder besser Klapsmühle?

Ich musste unweigerlich einsehen, dass dieser Ort der sein wird, der mich vor Schlimmerem bewahrt und mich wieder aufbaut.

Als ich merkte, dass ich phasenweise jegliche Lust am Essen, und dem damit verbundenen Gewicht, verloren hatte und meine einzigen Erfolge das Abnehmen waren, sah für mich die Welt rosarot aus. Es hätte ewig so weiter gehen können mit der Hoffnung irgendwann das Gewicht erreicht zu haben, was man für besonders attraktiv hielt. Das Problem an der ganzen Sache war, dass ich manchmal dachte: “Scheiße, was machst du mit dir? Du kannst kaum noch eine Treppe ohne Probleme hochlaufen, der Schlaf ist die Hölle und du kannst dich keine 5 Minuten mehr konzentrieren!“

In diesen Phasen sah ich, dass ich langsam aber sicher auf einen Abgrund zuritt und versuchte mich mit aller Kraft zu kontrollieren! ...ich stand schon einmal vor einem solchen Abgrund, aber da redete meine Freundin so lange auf mich ein, bis ich mein Gewicht für sie und nicht für mich hielt. Jetzt aber wurden die Phasen der Beherrschung kürzer und die Phasen in denen die Magersucht aktiv war länger und intensiver. Ich wusste an diesem Punkt aber noch nicht, dass ich essgestört bin und informierte mich übers Internet, was das denn jetzt nun sein könnte und gab mir schließlich selbst die Diagnose.

Doch wenn die Beherrschung täglich schwindet...wie soll das da bloß gut ausgehen?

Es folgten jetzt Tage, in denen all meine Freunde auf mir rumhackten! „Geh doch endlich zum Arzt! Bitte!“, flehte am Ende schon fast eine meiner Klassenkameradinnen, die ich in meine schlimmsten Befürchtungen eingeweiht hatte. Ich erkannte: Ich muss jetzt etwas tun!

Also informierte ich mich über das Internet. Ich suchte keine Behandlung, sondern einen Ort an dem ich frei mit Experten über mein vermeintliches Problem reden konnte.
Als Junge steht man da natürlich vor einem Problem, denn wenn man in die Zeitungen schaut, stehen da nur Hilfen für Mädchen und junge Frauen ...aber ich erinnerte mich, dass meine Banknachbarin mit dem selben Problem in das Uniklinikum Dresden gegangen ist (was für eine Ironie des Schicksals) ...aber ich wollte ja nur Beratung und keine stationäre Aufnahme!

Im Internet fand ich das aber nochmals ausgeschrieben und ich beschloss mich einfach dorthin zu wenden! Seitdem sind 2½ Monate vergangen und trotz der manchmal nervigen Sicherheitsvorschriften bin ich froh hier zu sein.

Mein psychischer Zustand artete hier auf einmal in heftige Depressionen aus und ich glaube, die Sicherheitsvorschriften und der zeitige Weg hier her haben mich vor deutlich Schlimmeren bewahrt. Am Anfang hatte ich tierische Angst als einziger Junge nicht in die Gruppe aufgenommen zu werden, aber jetzt sind wir schon 2 Jungen und ich habe mich mit allen Mädchen super angefreundet. Na ja, das klingt jetzt so als ob das hier alles super wäre...aber so ist das natürlich auch wieder nicht, denn schließlich gibt man seinen vorherigen Lebensweg auf und ersetzt ihn durch einen besseren ...schlechteren? Das ist ein Punkt an dem man sich hier wohl nie richtig einig wird, aber wenn man dann endlich wieder durchstarten kann, dann akzeptieren die meisten diesen Weg. Es gibt hier total strenge Regeln und wenn es einem noch nicht so gut geht und das Gewicht sehr niedrig ist, liegt man gut und gerne 2 Monate, außer zu den 6 Mahlzeiten im Bett. Aber umso glücklicher ist man, wenn man hier merkt, dass sich etwas tut. Ich selbst war nicht so schlecht dran, sondern hatte nur ein paar kleine Nebenerscheinungen, die mir aus meiner jetzigen Sicht mein Leben zum Teil versaut haben. Aber zurück zum Irrenhaus! Um ehrlich zu sein, merkt man kaum, dass man auf einer psychiatrischen Station ist, eher in „einem Ferienlager mit therapeutischen Hintergrund“.

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