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Tic-Störungen / Tourette Syndrom

Tic-Störungen (TS), zu denen auch das Tourette-Syndrom gehört, sind neuropsychiatrische Störungen, die durch das Vorhandensein mehrerer plötzlicher, schneller, wiederkehrender und nicht-rhythmischer Bewegungen (motorische Tics) und/oder Äußerungen (vokale/phonetische Tics) gekennzeichnet sind. Sie treten bei bis zu 10% aller Kinder vorübergehend auf. Etwas weniger als die Hälfte, ca. 4% sind länger als 1 Jahr betroffen. Jungen und Männer sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Mädchen und Frauen. Häufig treten neben den Tics auch Zwangssymptome oder AD(H)S auf. 

Zur Ätiologie von Tic-Störungen ist nur wenig bekannt. Es wird angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren, die die Regulationssysteme (z.B. das Immun- und das endokrine System) beeinflussen, zusammenwirken könnten, um eine neurobiologische Anfälligkeit für die Entwicklung von Tics zu schaffen. Die genetischen Hintergründe untersuchen wir in unserer TicGenetics-Studie.

Viele Ergebnisse aus der klinischen Forschung weisen darauf hin, dass insbesondere psychosozialer Stress, prä- und perinatale Komplikationen und Infektionen mit beta-hämolytische Streptokokken der Gruppe A (GAS) bei der Entstehung bzw. Verschlimmerung von Tics eine Rolle spielen könnten. GAS sind eine Hauptursache für Rachenentzündungen; sie könnten aber auch schlagartig einsetzende neuropsychiatrische Symptome aus dem Bereich der Zwangs- und Tic-Störungen hervorrufen (Pädiatrische autoimmune neuropsychiatrische Störungen im Zusammenhang mit Streptokokken-Infektionen=PANDAS), was mit der Bildung von Wirts-Autoantikörpern gegen die GAS-Antigene in Verbindung gebracht wird. Dieser Themenkomplex wurde in der EMTICS-Studie und unserer Studie Tic&Stress untersucht.

Trotz bisheriger Bemühungen ist das Verständnis der Pathophysiologie von TS mangelhaft, was sich in der begrenzten Verfügbarkeit therapeutischer Optionen zur erfolgreichen Behandlung von Tics und den damit verbundenen neuropsychiatrischen Symptomen bei den Betroffenen widerspiegelt. Um den begrenzten Behandlungsmöglichkeiten entgegen zu wirken bzw. ggf. neue zu schaffen, haben wir im Rahmen der ONLINETics-Studie untersucht, wie sich eine online-basierte Behandlung auf die Tic-Symptomatik auswirkt. 

Alle gegenwärtigen psychopharmakologischen Behandlungsoptionen für Tic-Störungen können Tics zwar verringern, aber nicht heilen. Um die Wirksamkeit pharmakologischer und verhaltenstherapeutischer Ansätze vergleichen zu können, haben wir in unserer Tic-Treatment-Studie die Gabe des Medikaments Tiaprid mit der verhaltenstherapeutischen Intervention Habit-reversal-Training verglichen.

Um neue, heilende Behandlungsmethoden und wirksame Präventivmaßnahmen zu entwickeln, ist es dringend notwendig, die komplexe Pathophysiologie von Tic-Störungen zu verstehen. Hierzu soll das Projekt TEC4Tic, welches die grundlegenden Mechanismen der TS untersucht, weitere Einsichten liefern.

TEC4Tic

„Event-file coding“ bei Patienten mit Ticstörungen

Kontakt:

Obwohl es eine Vielzahl von Studien zum Tourette Syndrom (TS) sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen gibt, und viele Befunde darauf hindeuten, dass insbesondere die Basalganglien und damit verbundene frontale kortikale Areale eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie des TS spielen, existiert bislang kein übergeordnetes Konzept oder Model zum TS. Haupthindernis dabei ist das Fehlen einer kohärenten Theorie oder eines konzeptuellen Rahmens, welche die Phänomenologie des TS schlüssig erklären könnten. Üblicherweise werden Tics als Bewegungsstörungen klassifiziert. Allerdings unterscheiden sich Tics in vielerlei Hinsicht von 'klassischen' Bewegungsstörungen und stehen physiologisch auftretenden, allerdings überschüssigen, Bewegungen und Handlungen näher. Darüber hinaus deuten die besondere Beziehung zwischen 'Tics' und Vorgefühlen auf veränderte perzeptuelle Prozesse und die starke Aufmerksamkeitsabhängigkeit der Tic-Ausprägung auf Störungen in Aufmerksamkeits- und Handlungsauswahlprozessen hin, so dass in einem übergreifenden Konzept zur Erklärung des TS Wahrnehmungs- und Handlungsaspekte zu berücksichtigen sind. Hierzu bietet sich die 'Theory of Event Coding' (TEC) als konzeptueller Rahmen an. Diesem grundlegend neuen Ansatz soll in dieser Forschergruppeninitiative 'TEC 4 Tic' nachgegangen werden.

Dieses Projekt ist eine Kooperation der Forschungsbereiche "Experimentelle Entwicklungspsychopathologie" und "Kognitive Neurohphysiologie" sowie der Universität zu Lübeck und wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Einschlusskriterien

  • männlich & weiblich
  • 8-17 Jahre
  • aktuell oder ehemals von einer Tic-Störung/dem Tourette Syndrom betroffen

Weiterhin ist die Arbeitsgruppe am Projekt P6 "Induced tic-like behavior in healthy controls versus tics in GTS –context and determinants" beteiligt: 

Ziel des Projektes ist es, ein neues Paradigma zu entwickeln, mit dem Tic‐ähnliches Verhalten bei gesunden Personen und Koprolalie bei Patienten mit Gilles de la Tourette Syndrome (GTS) ausgelöst werden kann. Der Fokus liegt hierbei auf dem Vergleich zwischen experimentell induzierten Flüchen gesunder Kontrollprobanden und ebenfalls experimentell ausgelöster Koprolalie (als komplexer Tic) bei GTS Patienten. Wir erwarten, dass sowohl Flüche ansonsten Gesunder als auch Koprolalie bei GTS Patienten in sog. 'event files' als Kernbestandteile der 'Theory of Event Coding' (TEC) abgelegt sind und sich z.B. durch Stress oder einen bestimmten affektiven Kontext auslösen lassen.

Einschlusskriterien

  • männlich & weiblich
  • 16-50 Jahre
  • mit Tic-Störung/Tourette Syndrom ODER
  • gesunde Kontrollpersonen ohne Tic-Störung
Publikationen zum Projekt

Wagner-Altendorf TA, Roessner V, Münte TF: Swearing, Cursing, Coprophenomena, A Continuum? Zeitschrift für Neuropsychologie. 30(4):250-55, 2019. 

 

TicGenetics

TICGenetics - Tourette International Collaborative Genetics Study

Kontakt:, ,

Die Tourette International Collaborative Genetics (TICGenetics)-Studie fokussiert auf die komplexe Genetik von Tic-Störungen (TS). Trotz jahrzehntelanger Belege für einen bedeutenden Einfluss genetischer Komponenten sind die Fortschritte bei der Identifizierung genetischer Risikoallele nur langsam vorangekommen (Stand 2011). Diese Schwierigkeit ist vermutlich bedingt durch die komplexen Vererbungsmuster und erhebliche genetische und phänotypische (Symptom-) Heterogenität (Fernandez et al., 2012; Moya et al., 2013; Moya et al., 2013). Aus diesem Grund wurde TICGenetics ins Leben gerufen mit dem Versuch, die biologischen Ursachen von TS besser zu verstehen.
Um diese Forschung zu ermöglichen, werden weltweit Informationen von etwa 2000 Personen gesammelt, die entweder an TS leiden oder mit jemandem mit TS verwandt sind (Dietrich et al., 2014). In der derzeitigen zweiten Förderperiode werden nur Familien mit einem betroffenen Kind berücksichtigt, dessen Eltern nie von einer TS betroffen waren bzw. aktuell sind. Neben anamnestischen und psychiatrischen Informationen jedes Familienmitglieds werden Blutproben für die genetische Analyse gesammelt.
In diesem Projekt arbeiten Wissenschaftler und Kliniker aus mehr als 20 Standorten in den Vereinigten Staaten, Europa und Südkorea, die auf TS/das Tourette-Syndrom spezialisiert sind, zusammen. TICGenetics wird vom National Institute of Mental Health (NIMH) in den USA finanziert.

Einschlusskriterien

  • Familien mit einem von Tic-Störung/Tourette Syndrom betroffenen Kind UND
  • keinem weiteren von einer Tic-Störung/dem Tourette Syndrom betroffenen Familienmitglied

Siehe auch: www.tic-genetics.org


Interesse an einer Teilnahme?

Publikationen zum Projekt

Wang, S, Mandel JD, Kumar Y, Sun N, Morris MT, Arbelaez J, Nasello C, Dong S, Duhn C, Zhao X, Yang Z, Padmanabhuni SS, Yu D, King RA, Dietrich A, Khalifa N, Dahl N, Huang AY, Neale BM, Coppola G, Mathews CA, Scharf JM, Tourette International Collaborative Genetics Study (TIC Genetics), Tourette Syndrome Genetics SOuthern and Eastern Europe Initiative (TSGENESEE), Tourette Association of America International Consortium for Genetics (TAAICG), Fernandez TV, Buxbaum JD, De Rubeis S, Grice DE, Xing J, Heiman GA, Tischfield JA, Paschou P, Willsey AJ, State MW: Correction: De Novo Sequence and Copy Number Variants Are Strongly Associated With Tourette Disorder and Implicate Cell Polarity in Pathogenesis. Cell Rep 25(12):3544, 2018.

Wang, S, Mandel JD, Kumar Y, Sun N, Morris MT, Arbelaez J, Nasello C, Dong S, Duhn C, Zhao X, Yang Z, Padmanabhuni SS, Yu D, King RA, Dietrich A, Khalifa N, Dahl N, Huang AY, Neale BM, Coppola G, Mathews CA, Scharf JM, Tourette International Collaborative Genetics Study (TIC Genetics), Tourette Syndrome Genetics Southern and Eastern Europe Initiative (TSGENESEE), Tourette Association of America International Consortium for Genetics (TAAICG), Fernandez TV, Buxbaum JD, De Rubeis S, Grice DE, Xing J, Heiman GA, Tischfield JA, Paschou P, Willsey AJ, State MW: De Novo Sequence and Copy Number Variants Are Strongly Associated With Tourette Disorder and Implicate Cell Polarity in Pathogenesis. Cell Rep 24(13):3441-54.e12., 2018.

Willsey AJ, Fernandez TV, Yu D, King RA, Dietrich A,  Xing J, Sanders SJ, Mandell JD, Huang AY, Richer P, Smith L, Dong S, Samocha KE, Tourette International Collaborative Genetics (TIC Genetics), Tourette Syndrome Association International Consortium for Genetics (TSAICG), Neale BA, Coppola G, Mathews CA, Tischfield JA, Scharf JM, State MW, Heiman GA: De Novo Coding Variants Are Strongly Associated With Tourette Disorder. Neuron, 94(3):486-99.e.9, 2017.

Dietrich A, Fernandez TV, King RA, State MW, Tischfield JA, Hoekstra PJ, Heiman GA, TIC Genetics Collaborative Group: The Tourette International Collaborative Genetics (TIC Genetics) Study, Finding the Genes Causing Tourette Syndrome: Objectives and Methods. Eur Child Adolesc Psychiatry 24(2):141-51, 2015.

Abgeschlossene Projekte

European Multicenter Tics in Children Study (EMTICS)

EMTICS ist eine groß angelegte multizentrische Studie mit zwei longitudinalen Kohorten, in denen

(1) Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Tic-Erkrankung und deren
(2) Verwandte ersten Grades

im Rahmen einer integrierten, multidisziplinären Forschungsstrategie beobachtet wurden.

Das Ziel der European Multicenter Tics in Children Study (EMTICS) ist es, die komplexe Interaktion zwischen Umwelt, Autoimmunität und Genetik in Bezug auf den Beginn und den klinischen Verlauf von Tic-Störungen (TS) und den damit verbundenen Zwangssymptomen zu erforschen und diese Erkenntnisse in klinische Anwendungsmöglichkeiten zu übertragen. Die Studie versucht zu identifizieren, welche Rolle die Exposition gegenüber spezifischen Umweltfaktoren spielt. Untersucht wurde dabei der Einfluss:

  • neuer Exposition gegenüber spezifischen molekularen Gruppe A Streptokokken -Typen und/oder Subtypen in Form von Transport oder Infektion im Rachenraum
  • sowie psychosozialen Stresses

auf den Beginn und den Verlauf von Tic-Störungen.

Weiterhin wird versucht, genetische Signalwege zu identifizieren, die bei der Verschlimmerung der Tic-Symptome aktiviert werden, indem longitudinale genomweite Genexpressionsanalysen durchgeführt werden.

Über einen Zeitraum von 16 Monaten wurden 715 Kinder und Jugendliche im Alter von 3-16 Jahren mit einer bereits diagnostizierten chronischen Tic-Erkrankung longitudinal beobachtet.
In einer dreijährigen longitudinalen Beobachtung, wurden 260 Kinder im Alter von 3-10 Jahren untersucht, die Geschwister von Patienten mit einer chronischen Tic-Erkrankung sind, aber zum Zeitpunkt des Einschlusses in die Studie keine Tics oder Zwangssymptome aufwiesen.

Sowohl Umweltfaktoren (wie das Erleben von psychosozialem Stress und das Auftreten von Infektionen) als auch Biomarker (wie immunologische Veränderungen, Veränderungen der Genexpression und infektiöse Parameter), die möglicherweise mit Tic-Exazerbationen oder einem Tic-Onset in Verbindung stehen, wurden in beiden Kohorten in regelmäßigen Abständen (mindestens aller 3 Monate) erfasst.

Das EMTICS-Konsortium bringt Experten auf dem Gebiet der Tic-Störungen in ganz Europa zusammen. Das Projekt wurde aus dem "Siebten Rahmenprogramm der Europäischen Gemeinschaft" (FP7/2007-2013) finanziert.


Publikationen zum Projekt

Openneer TJ, Tárnok Z, Bognar E, Benaroya-Milshtein N, Garcia-Delgar B, Morer A,Steinberg T, Hoekstra PJ, Dietrich A & the EMTICS collaborative group: The Premonitory Urge for Tics Scale in a large sample of children and adolescents: psychometric properties in a developmental context. An EMTICS study. European Child & Adolescent Psychiatry, 1-14, 2019.

Baglioni V, Coutinho E, Menassa DA, Giannoccaro MP, Jacobson L, Buttiglione M, Petruzzelli O, Cardona F, Vincent A & the EMTICS collaborative group: Antibodies to neuronal surface proteins in Tourette Syndrome: Lack of evidence in a European paediatric cohort. Brain, behavior, and immunity, 81, 665-669, 2019.

Schrag A, Martino D, Apter A, Ball J, Bartolini E, Benaroya-Milshtein N, Buttiglione M, Cardona F, Creti R, Efstratiou A, Gariup M, Georgitsi M, Hedderly T, Heyman I, Margarit I,Mir P, Moll N, Morer A, Müller N, Müller-Vahl K, Münchau A, Orefici G, Plessen KJ, Porcelli C, Paschou P, Rizzo R, Roessner V, Schwarz MJ, Steinberg T, Tagwerker Gloor F, Tarnok Z, Walitza S, Dietrich A, Hoekstra PJ & the EMTICS collaborative group: European Multicentre Tics in Children Studies (EMTICS): protocol for two cohort studies to assess risk factors for tic onset and exacerbation in children and adolescents. European child & adolescent psychiatry, 28(1), 91-109, 2019.

Roessner V, & Hoekstra PJ: European Multicenter Tics in Children Studies (EMTICS): exploring the onset and course of tic disorders. European child & adolescent psychiatry, 22(7), 451, 2013.


ONLINE-TICS – Verhaltenstherapeutische Behandlung der Tics von Zuhause aus

Das Verhaltenstherapieprogramm „Comprehensive Behavioral Intervention for Tics“ (CBIT) – besser bekannt unter der Bezeichnung „Habit Reversal Training (HRT)“ (=Gewohnheitsumkehrtraining) – gilt als Behandlung der 1. Wahl in der Therapie von Tic-Störungen. Es führt im Mittel zu einer Verminderung der Tics um 30-40%.

In Deutschland mangelt es aktuell jedoch vielerorts an entsprechend qualifizierten Therapeuten, so dass viele Patienten derzeit keinen Zugang zu dieser wirksamen Therapie haben. Dieser Mangel soll mit Hilfe der Studie ONLINE-TICS beseitigt werden. Dazu wurde untersucht, ob eine Behandlung mit HRT/CBIT alternativ nicht ebenso erfolgreich online-basiert via Internet – also vollkommen unabhängig von einem ambulanten Therapeuten in einer Praxis – durchgeführt werden kann.
Bei Teilnahme an der Studie ONLINE-TICS erhielten die Teilnehmer entweder sofort eine Internet-basierte Therapie Ihrer Tics mit HRT/CBIT (in 8 Sitzungen über 10 Wochen) oder aber – wenn Sie zunächst der Kontrollgruppe zugelost wurden – anfangs ausführliche Informationen zum Tourette Syndrom, aber zu einem späteren Zeitpunkt nach Abschluss der Studie ebenfalls die Möglichkeit, eine Internet-basierte Behandlung mittels HRT/CBIT durchzuführen. Somit wurde jedem Studienteilnehmer eine Behandlung garantiert.

ONLINE-TICS wurde deutschlandweit an verschiedenen Studienorten durchgeführt. Die Studie umfasste fünf Studienvisiten à 2 Stunden (vor, während und nach Ende der Therapie) über einen Zeitraum von 8,5 Monaten. Teilnehmer der Studie mussten folgende Kriterien erfüllen:

  • Vorliegen einer Tic-Störung/eines Tourette Syndroms
  • Mindestalter 18 Jahre
  • bisher keine Therapie der Tics mittels CBIT/HRT
  • Eventuell zur Behandlung Ihrer Tics eingenommene Medikamente wurden innerhalb von 6 Wochen vor Studienbeginn nicht verändert
  • Zugang zu einem internetfähigen PC

Die Studie war ein Kooperationsprojekt der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, dem Institut für Neurogenetik der Universität zu Lübeck, der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilans-Universität München, der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik RWTH Aachen sowie unser Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsklinikum C. G. Carus Dresden.


Tic-Treatment - Evaluationsstudie zum Vergleich von Wirkung und Sicherheit der verhaltenstherapeutischen Behandlung Habit-Reversal-Training mit der Gabe des Medikaments Tiaprid

In der Therapie von Tics kommen sowohl medikamentöse als auch verhaltenstherapeutische Ansätze erfolgreich zur Anwendung. Bisher fehlten jedoch direkt vergleichende Untersuchungen, die zeigen, ob und inwieweit eine verhaltenstherapeutische Behandlung durch das Habit-Reversal-Training der Einnahme eines Medikaments, im vorliegenden Fall Tiaprid, hinsichtlich ihrer kurz- und langfristigen Wirksamkeit sowie Sicherheit vorzuziehen ist oder umgekehrt. Das Ziel unserer Tic-Treatment-Studie war es, die kurzzeitigen Effekte beider Therapieformen erstmals vergleichend zu untersuchen. 

Die verhaltenstherapeutische Behandlung erfolgte in 10 wöchentlichen Sitzungen, der Teilnehmer erhielt zusätzlich Übungsaufgaben zur Festigung. Die medikamentöse Behandlung erfolgte nach ausführlicher Beurteilung durch einen Arzt, welcher die Indikation zur Einnahme von Tiaprid prüfte und sicherstellte.

Zur vergleichenden Evaluation wurde vor Beginn der jeweiligen Therapie ein EEG abgeleitet. Ein zweites EEG folgte ca. 10 Wochen später (nach den 10 wöchentlichen verhaltenstherapeutischen Sitzungen bzw. nach 10 Wochen Einnahme des Medikaments Tiaprid). Zudem wurden zu beiden Testzeitpunkten Fragebogendaten zu Kompetenzen und Problembereichen, Stärken und Schwächen, Aufmerksamkeit und etwaigen Zwangssymptomen des Probanden erhoben.

Hierfür untersuchten wir Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 17 Jahren, bei welchen eine Tic-Störung/das Tourette Syndrom vorlag.

Publikationen zum Projekt

Petruo V, Bodmer B, Brandt VC, Baumung L, Roessner V, Münchau A, Beste C: Altered perception-action binding modulates inhibitory control in Gilles de la Tourette syndrome. J Child Psychological Psychiatry, 60(9), 953-962, 2019.

Petruo V, Bodmer B, Bluschke A, Münchau A, Roessner V, Beste C: Comprehensive Behavioral Intervention for Tics reduces perception-action binding during inhibitory control in Gilles de la Tourette syndrome. Sci Rep, 10(1):1174, 2020.


Tic & Stress

Ziel des Projekts war es zu untersuchen, wie sich kurzzeitiger psychosozialer Stress auf die vielbeschriebenen Fluktuationen der Tic Häufigkeit auswirkt. Hierzu untersuchten wir 31 Kinder und Jugendliche mit Tic Störung mit dem Trierer Sozial Stress Test für Kinder (TSST-K). Als Vergleichsbedingung dienten eine Situation, in der sich die Teilnehmer entspannen sollten und eine, in der sie sich auf eine Aufgabe konzentrierten. Dabei wurden die Teilnehmer entweder dazu angeleitet ihre Tics zu unterdrücken oder ihren Tics „freien Lauf“ zu lassen. Während des gesamten Experiments wurden die physiologischen Stressmarker Speichelkostisol, Herzrate und Hautleitfähigkeit gemessen. Der TSST-K löste eine deutliche Stressreaktion bei den Teilnehmern aus mit erhöhten Speichelkortisolwerten, einer erhöhten Herzrate und eine erhöhten Anzahl an Anstiegen der Hautleitfähigkeit. In der Entspannungs- und Konzentrationssituation hatte die Instruktion die Tics zu unterdrücken zur Folge, dass tatsächlich weniger Tics auftraten. Während dem TSST-K hatte die Instruktion die Tics zu unterdrücken keinen Einfluss. Stattdessen beobachten wir werden dem TSST-K unabhängig von der Art der Instruktion eine reduzierte Anzahl an Tics.

Somit legt unsere Studie nahe, dass akuter Stress eher zu einer kurzzeitigen Reduktion der Tic Häufigkeit führt.

Publikationen zum Projekt

Buse JBeste CRoessner V: Neural correlates of prediction violations in boys with Tourette syndrome - evidence from harmonic expectancy. World J Biol Psychiatry, 23:1-31, 2016.

Buse JBeste C, Herrmann ERoessner V: Neural correlates of altered sensorimotor gating in boys with Tourette Syndrome: A combined EMG/fMRI study. World J Biol Psychiatry, 17(3):187-97, 2016.

Buse JK, Enghardt S, Kirschbaum C, Ehrlich S, Roessner V: Tic Frequency Decreases during Short-term Psychosocial Stress – An Experimental Study on Children with Tic Disorders. Front Psychiatry, 7:84, 2016.

Buse JRoessner V: Neural correlates of processing harmonic expectancy violations in children and adolescents with OCD. Neuroimage Clin, 10:267-73, 2015.

Buse J, Dörfel D, Lange H, Ehrlich S, Münchau A, Roessner V: Harmonic expectancy violations elicit not-just-right-experiences: A paradigm for investigating obsessive-compulsive characteristics? Cogn Neurosci, 6(1):8-15, 2015.