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12. Februar 2010

Neurodermitis im frühen Kindesalter erhöht Risiko für psychische Störungen

12. Februar 2010: Analyse der Daten von 6.000 Kindern liefert weitere Anhaltspunkte für Risikopotenzial der Hauterkrankung

Privatdozent (PD) Dr. Jochen Schmitt, Oberarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, liefert einen weiteren Beleg für die These, dass frühkindliche Neurodermitis die seelische Gesundheit gefährden kann: Bei der Auswertung von Daten von 6.000 Kindern konnten Wissenschaftler aus Dresden, Heidelberg und München feststellen, dass bei 10-Jährigen das Risiko für Störungen der Psyche oder des Gefühlslebens deutlich höher ist, wenn sie in den ersten beiden Lebensjahren an Neurodermitis litten. Die Ergebnisse wurden in der Februarausgabe des von der American Academy of Allergy, Asthma & Immunology herausgegebenen „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ veröffentlicht. Um den Zusammenhänge zwischen der Hautkrankheit und den seelischen Erkrankungen auf die Spur zu kommen, wollen die Klinik für Dermatologie sowie die Klink für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Dresdner Uniklinikum nun interdisziplinäre Forschungsprojekte auf den Weg bringen.

Mit der wissenschaftlichen Auswertung von Daten zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen sorgt der Dresdner Hautarzt und Wissenschaftler PD Dr. Jochen Schmitt nicht zum ersten Mal für große Aufmerksamkeit in Fachkreisen. Bereits Anfang 2009 veröffentlichte er die Ergebnisse einer Studie, die einen Zusammenhang zwischen Neurodermitis und dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) nachwies: Kinder und Jugendliche mit dieser Hauterkrankung haben demnach ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, an einem ADHS zu leiden. Grundlage dieser früheren Untersuchung waren Daten einer sächsischen  Krankenkasse. Die aktuelle Studie nutzt die Datenbasis einer Langzeitstudie, bei der unter Leitung von Dr. Joachim Heinrich, Institut für Epidemiologie des Helmholtz Zentrums München knapp 6.000 Kinder untersucht wurden, die zwischen 1995 und 1998 geboren wurden. Bei dieser Geburtskohortenstudie geht es um die Einflüsse der Ernährung, aber auch von umweltbedingten und genetischen Faktoren auf die Entwicklung von Allergien.
 
PD Dr. Schmitt nutzte diese Daten nun gemeinsam mit seinem Wissenschaftlerkollegen Dr. Christian Apfelbacher (Universitätsklinikum Heidelberg), um weiteren Hinweise für den Zusammenhang zwischen Neurodermitis in den ersten beiden Lebensjahren und psychischen wie emotionalen Problemen in der weiteren Kindheit zu finden. „Die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache: Die Rate der an Neurodermitis leidenden Kleinkinder, die als Zehnjährige psychische Auffälligkeiten entwickelten, lag 49 Prozent höher als die von Kleinkindern ohne diese Hauterkrankung. Bei  emotionalen Störungen erhöhte sich das Risiko auf 62 Prozent“, sagt PD Dr. Schmitt. Die Auswertung zeigt weiterhin, dass Kinder, deren Neurodermitis über das Säuglings- und Kleinkindalter hinaus anhielt, noch häufiger unter einer Beeinträchtigung ihrer seelischen Gesundheit leiden. Dies bestätigt auch die Vorgängerstudie des Dresdner Dermatologen. Denn das ADHS-Risiko für Neurodermitis-Patienten hängt auch von der Schwere dieser Hauterkrankung ab: Je häufiger die Betroffenen zur Behandlung ihrer Hautkrankheit zum Arzt gehen, umso höher ist die Wahr-scheinlichkeit, dass sie auch an ADHS leiden.
 
Die Ergebnisse beider Studien gaben am Dresdener Uniklinikum den Anstoß, über die reine Auswertung der Daten hinaus Projekte der Grundlagenforschung zu initiieren: „Ob es zwischen einer Neurodermitis in den ersten Lebensjahren und späteren psychischen Problemen einen direkten Zusammenhang gibt, müssen weitere Untersuchungen auf diesem äußerst spannenden Gebiet an der Schnittstelle zwischen Körper und Psyche zeigen“, sagt Prof. Veit Rößner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Dresdner Uniklinikums. ADHS und Neurodermitis treten im Kindesalter erstmals auf und entwickeln in dieser Zeit ihre stärksten Symptome. „Bei beiden Erkrankungen sind Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren nahezu unbekannt“, erklärt Prof. Rößner. Der im Einzelfall schwer vorhersagbare Verlauf der Störung verunsichere Eltern und Betroffene zusätzlich. Hier forschungsseitig neue Erkenntnisse zu sammeln – auch beim kontrovers diskutierten Einfluss von Erziehung, Ernährung oder Sport auf die Psyche des Kindes und damit wahrscheinlich auch auf ADHS- oder Neurodermitis-Symptome – könne alle Beteiligten entlasten und Wege für eine Therapie weisen.

Link zur veröffentlichten Studie
www.jacionline.org/article/S0091-6749(09)01632-7/abstract

Kontakte
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Dermatologie
Dr. Jochen Schmitt
Tel. 0351/ 458 2421
E-Mail: jochen.schmitt@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de
www.tu-dresden.de/medderma

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Direktor: Prof. Veit Rößner
Tel. 0351/ 458 2244
E-Mail: veit.roessner @uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de
www.kjp-dresden.de