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02. September 2009

Apherese: High-tech-Verfahren gegen lebensgefährliches Cholesterol

3. September: Mit der Wende kam die „Blutwäsche“ nach Dresden und rettete seitdem das Leben vieler schwerkranker Patienten / 20. Jahrestag als Anlass für internationales Symposium

Schwerstkranken Menschen brachte die Wende mehr als die politische Freiheit – manchen rettete sie das Leben. Daran erinnern die Ärzte und Wissenschaftler der Medizinischen Klinik III des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus: Denn der Umbruch schaffte auch die Basis für die erste Lipid-Apherese in Dresden, die gleichzeitig die erste in den neuen Bundesländern war. Deshalb initiiert die Klinik anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des 1989-er Herbstes ein international besetztes Symposium in der Landeshauptstadt: Am 4. und 5. September treffen sich rund 120 Wissenschaftler aus der ganzen Welt zum „1st Dresden International Symposium on Therapeutic Apheresis“ im Hörsaal der Medizinischen Fakultät. Dort diskutieren sie über die unterschiedlichen Formen der Apherese – Umgangssprachlich „Blutwäsche“ genannt. Das Klinikum hat ihre Rolle als Vorreiter dieser Behandlungsmethode genutzt und wuchs im bundesweiten Vergleich zu einem der größten Zentren seiner Art. In 13.291 Behandlungen wurden zwischen November 1990 und Ende Juli 2009 schwerkranken Patienten Cholesterol, Antikörper oder blutgerinnende Eiweiße aus dem Blut gewaschen. Die Lipid-Apherese ist nicht zu verwechseln mit der Dialyse, der so genannten künstlichen Niere.

Viele medizinische Innovationen fielen vor 1989 dem allgegenwärtigen Mangel zum Opfer. Darunter litten beispielsweise Patienten mit Fettstoffwechselstörungen, bei denen die in den 1980-er Jahren neu entwickelten Medikamente – so genannte Statine – damals noch nicht verfügbar waren. Diesen Hoch-Risiko-Patienten hätte nur eine Lipidapherese geholfen. „Wir hatten uns bemüht, eine ‚Blutwäsche‘, die in Westdeutschland bereits in Entwicklung war, auch in Dresden zu etablieren“, erinnert sich Prof. Ulrich Julius, Leiter des Bereichs Lipidologie/Lipidapherese. Doch die Behandlung konnte nicht vorgenommen werden, da in der DDR keine Plasmafilter zur Verfügung standen. Sie hätten mit westlicher Währung bezahlt werden müssen. Das jedoch lehnte die damalige Regierung ab. „Einige unserer Patienten verstarben deshalb an arteriosklerotischen Erkrankungen“, so Prof. Julius, der sich bereits 1987 in Moskau das Aphereseverfahren aneignen konnte. Den dortigen Kollegen war es möglich gewesen, das Know-how in der damaligen BRD kennenzulernen.

Im November 1990 wurde dann erstmalig in den neuen Bundesländern in Dresden mit einer Apherese gestartet, mit der das LDL-Cholesterol aus dem Blut der Patienten entfernt werden konnte. Eine erste dazu notwendige Maschine sponserte der Freistaat Bayern, die dazu notwendigen Verbrauchsmaterialien ein Hersteller. „Damals haben wir zunächst mit zwei Patienten angefangen“, berichtet Prof. Julius. In den nachfolgenden Jahren stieg die Patientenzahl stetig an.
 
Zurzeit unterziehen sich in der Medizinischen Klinik III regelmäßig 53 Personen einer Lipid-Apherese. Hinzu kommen fünf Patienten, denen mittels der Blutwäsche Antikörper entfernt werden, die ihren Körper massiv attackieren. Dies sind unter anderem Patienten, die an Lupus erythematodes, einer Autoimmunkrankheit leiden, oder an einer Hautkrankheit, dem Pemphigus vulgaris. Die Bilanz der Lipidapherese am Uniklinikum ist beeindruckend: Von November 1990 bis Ende Juli 2009 wurden 13.291 Behandlungen vorgenommen – Tendenz steigend: Waren es 2008 insgesamt 1.587 Lipidapheresen, sind es in den ersten sieben Monaten dieses Jahres bereits 1.048.

Behandelt werden Hochrisiko-Patienten, bei denen es den Ärzten trotz optimaler diätetischer und medikamentöser Therapie nicht gelingt, den Wert des gefährlichen Cholesterols (LDL-Cholesterol) so weit abzusenken, dass sie keinen erheblichen gesundheitlichen Folgen ausgesetzt sind. Diese Patienten haben in aller Regel schon eine fortgeschrittene Gefäßerkrankung – etwa einen Herzinfarkt oder Durchblutungsstörungen an den Beinarterien. Im Dresdner Apheresezentrum der Medizinischen Klinik III stehen vier verschiedene Lipidapherese-Verfahren zur Verfügung. Damit können individuelle Faktoren der Wirksamkeit und Verträglichkeit berücksichtigt werden. Allen Verfahren gleich ist, dass das Blut an einem Arm entnommen, über die Maschine geleitet und gereinigt wird, um dann am anderen Arm zurückzufließen. Eine Behandlung dauert rund drei Stunden.

Mit der Apherese lassen sich zudem krankmachende Antikörper entfer-nen – etwa bei Lupus erythematodes und anderen immunologisch be-dingten Erkrankungen. Mit dem modifizierten Verfahren der Rheophorese lassen sich zudem die Blutfließeigenschaften deutlich verbessern. Hier gibt es gute Erfahrungen bei der Macula-Degeneration, beim akuten Hörsturz, bei Unterschenkelgeschwüren und beim akuten diabetischen Fuß. Ursache für diese Erkrankungen ist unter anderem ein stark erhöhter Anteil eines Blut gerinnenden Eiweißes, dem Fibrinogen. Dies lässt sich zum Teil aus dem Blut waschen.

Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Medizinische Klinik und Poliklinik III
Bereich Lipidologie/Lipidapherese
Leiter Prof. Ulrich Julius
Tel. 0351/ 4 58 2306
E-Mail: ulrich.julius@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de