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Symposium „Bedarfsorientierte Versorgungsplanung“ 11.11.2016

Bedarfsgerechtigkeit, Patientenzentrierung und Qualitätsorientierung sind herausragende Begriffe der gegenwärtigen gesundheits- und sozialpolitischen Diskussion. Mit dem Krankenhaus-Strukturgesetz (KHSG) hat der Gesetzgeber Qualitätsindikatoren zur Grundlage der Krankenhausplanung der Länder beschlossen. Auf dieser Gesetzesgrundlage entwickelt der Gemeinsame Bundesausschuss derzeit mit Unterstützung des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) planungsrelevante Qualitätsindikatoren für die Krankenhausversorgung. Die Länder können jedoch hiervon abweichende Regelungen treffen.

Vor diesem Hintergrund veranstaltete die Dresdner Hochschulmedizin am 11.11.2016 das Symposium „Bedarfsorientierte Versorgungsplanung“. Namhafte Vertreter aus Politik, Selbstverwaltung, Qualitätsmanagement und Wissenschaft folgten der Einladung und diskutierten gemeinsam mit den rund 80 Teilnehmern Möglichkeiten, die wichtigen aktuellen Entwicklungen in der Planung und Steuerung der Gesundheitsversorgung insbesondere von Sachsen aus mitzugestalten.

Nach Eröffnung des Symposiums durch Herrn Prof. Albrecht ging Frau Staatsministerin Barbara Klepsch in ihrem Grußwort auf die hohe Relevanz regionaler Aspekte bei der Bedarfsplanung und Versorgungsgestaltung ein. Zentrale Herausforderung sei die langfristige Sicherstellung des Zugangs für alle Bürgerinnen und Bürger in allen Regionen Sachsens zu einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung. Gerade vor diesem Hintergrund müssen mehr sektorenübergreifende Lösungsansätze in den Blick genommen werden. Deshalb habe Sachsen basierend auf dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz bereits im Jahr 2013 ein Gemeinsames Landesgremium nach § 90a Abs. 1 SGB V eingerichtet, in dem die Vertreter der Selbstverwaltung Empfehlungen zu sektorenübergreifenden Versorgungsfragen in den Regionen geben.

Auf das Grußwort der Ministerin folgten vier Impulsvorträge, die das Thema der Bedarfsgerechtigkeit im Kontext der Versorgungsplanung von verschiedenen Perspektiven beleuchteten.

Zunächst erläuterte Herr Prof. Penter, Honorarprofessor an der TU Dresden und Leiter Health Care der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, verschiedene Ansatzpunkte für eine bedarfsorientierte Versorgungsplanung, darunter die Einführung länderspezifischer Erreichbarkeitsvorgaben, die Definition erweiterter Qualitätskriterien und deren Aufnahme in die Versorgungsplanung, die Weiterentwicklung der sektorenübergreifenden regionalen Vernetzung und die stärkere Berücksichtigung von telemedizinischen Anwendungen in der Versorgungsplanung. Seine Botschaft bezog sich auch darauf, den Mut aufzubringen, von Bewährtem abzuweichen, um neue zukunftsorientierte Ideen zu entwickeln.

Mit Spannung erwartet wurde das Referat von Herrn Dr. Gerhard Fülöp, Leiter der Abteilung „Planung und Systementwicklung“ der Gesundheit Österreich GmbH, Wien. Herr Dr. Fülöp zeigte eindrücklich auf, wie in unserem Nachbarland integrierte Gesundheitsplanung auf der Basis einer umfangreichen Datenbasis umgesetzt wird. So stehen im Österreichischen Gesundheitsinformationssystem neben Struktur- und Basisdaten der Bevölkerung auch umfangreiche Gesundheitsdaten teilweise ab 1980, Gesundheitssystemdaten sowie geographische Basisdaten zur Verfügung, die dann für Regional-/Erreichbarkeits-Analysen, Bedarfsprognosen und Monitoring der Gesundheitsversorgung genutzt werden. Die Anwesenden waren sich einig, dass das vielfach beschworene „lernende System“ in Österreich offensichtlich weit entwickelt ist und perspektivisch auch für Sachsen Vorbildcharakter haben kann.

Prof. Schmitt stellte in seinem Beitrag die entscheidende Rolle der Indikationsqualität bei der Differenzierung zwischen objektivem Bedarf und Inanspruchnahme heraus. Ausgehend von den vom Sachverständigenrat im Gesundheitswesen im Gutachten „Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit“ geprägten Begriffen der Über-, Unter- und Fehlversorgung müsse bei der Beurteilung der Bedarfsgerechtigkeit der Versorgung die individuelle klinische Situation berücksichtigt werden. Definitionsgemäß liegt eine Fehlversorgung auch dann vor, wenn Leistungen, die an sich zwar bedarfsgerecht und effizient sind, in der Form ihrer Anwendung den anerkannten fachlichen Qualitätskriterien nicht entsprechen. Unter diesem Gesichtspunkt sei die Hinzuziehung von Qualitätskriterien bei der Versorgungsplanung nur folgerichtig. Ungünstig sei, dass die Begriffe Über- und Unterversorgung im Kontext der ambulanten Bedarfsplanung völlig anders verwendet werden, als vom Sachverständigenrat intendiert. Prof. Schmitt führte weiter aus, dass neben dem objektiven Bedarf auch immer die Angemessenheit (Appropriateness) der Leistungserbringung im spezifischen klinischen Kontext berücksichtigt werden müsse. Hier sieht der Sachverständigenrat die zentrale Rolle der Versorgungsforschung, gemeinsam mit Klinikern Kriterien einer angemessenen Indikationsstellung zu definieren. Beispielhaft ist hier die Initiative „Gemeinsam Klug Entscheiden“ der AWMF und zahlreicher klinischer Fachgesellschaften, die zunehmend ihre Verantwortung für eine bedarfsgerechte und angemessene Versorgung wahrnehmen.

Im folgenden Referat forderte Herr Rainer Striebel, Vorsitzender des Vorstandes der AOK PLUS, eine detaillierte Betrachtung der zu erwartenden Versorgungssituation in Sachsen. So gestalte sich die demographische Entwicklung zwischen Ballungsräumen und ländlich geprägten Gebieten höchst unterschiedlich. Entsprechend kommen auf die ländlichen Grundversorger signifikante Fallzahlrückgänge zu, während die Fallzahlen in den Ballungsräumen Dresden und Leipzig steigen werden. Differenziert werden müsse auch zwischen den Fachgebieten: Während der Bedarf an stationärer Versorgungskapazität im Fach Innere Medizin bis 2030 um rund 9% steigen werde, sei in der Kinder- und Jugendmedizin ein Rückgang um 22% zu erwarten. In der Gynäkologie/Geburtshilfe sinke der Bedarf Prognosen zufolge bis 2030 sogar um 25%. Eine gewaltige gesamtgesellschaftliche Herausforderung ist es gemäß Striebel, dem bis 2030 zu erwartenden, erheblichen Fachkräftemangel – auch unter regionalen Gesichtspunkten – entsprechend zu begegnen. Hervorzuheben ist, dass der AOK PLUS-Vorstandsvorsitzende die Notwendigkeit einer wohnortnahen Versorgung ebenfalls differenziert betrachtet. Für Patienten seien Spezialisierung und Qualität des Krankenhauses weitaus wichtiger als gute Erreichbarkeit oder kurze Distanz zum Wohnort. Herr Striebel stimmt mit seinen Vorrednern darin überein, dass Qualitätskriterien zumindest mittelfristig bei der Krankenhausplanung zu berücksichtigen sind und dass nur durch eine Überwindung der Sektorengrenzen ein effizienter und sinnvoller Ressourceneinsatz gelingen kann, um entstehende Versorgungslücken zu schließen.

In der abschließenden, von Frau Prof. Maria Eberlein-Gonska moderierten Podiumsdiskussion kamen neben den Referenten Prof. Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums Dresden und Vorstand des VUD, Herr Dr. Heckemann, Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen, sowie Herr Michael Bockting, Leiter der Abteilung 3 „Sozialversicherung und Krankenhauswesen“ des Sächsischen Ministeriums für Soziales und Verbraucherschutz zu Wort. Die Diskussion konzentrierte sich zunächst auf die Umsetzbarkeit von Qualitätskriterien in der Bedarfsplanung und auf den vom IQTIG vorgelegten Entwurf eines Konzepts für planungsrelevante Qualitätsindikatoren. Prof. Albrecht unterstrich einerseits die Relevanz von Qualitätskriterien für die Bedarfsplanung, kritisierte jedoch die vom IQTIG angestrebte Fokussierung auf Indikatoren der Ergebnisqualität. Deutlich besser geeignet als Indikatoren der Ergebnisqualität und mit weniger methodischen Ansprüchen wie beispielsweise einer gerechten Risikoadjustierung verbunden seien Indikatoren der Struktur- und Prozessqualität. Diese bieten für Krankenhäuser auch weit bessere Möglichkeiten, sinnvolle bzw. nachvollziehbare Qualitätsansprüche gezielt und strukturiert zu implementieren. Herr Striebel unterstützte diese Argumentation grundsätzlich und sieht die Indikatoren der Ergebnisqualität für Planungszwecke eher als eine langfristige Perspektive. An dieser Stelle gilt es, eben nicht auf Entscheidungen auf Bundesebene zu warten, sondern vielmehr die bereits seit vielen Jahren vorhandenen Strukturen im Freistaat Sachsen zu nutzen und in Richtung regionaler Versorgungskonzepte in Sachsen einzusetzen. Herr Bockting gab zu bedenken, dass das finale Papier des IQTIG und die Bewertung des GB-A noch ausstehen. Er sehe in dem Gemeinsamen Landesgremium nach § 90a SGB V ein geeignetes Instrument, um auch sektorenübergreifende Elemente in der Bedarfsplanung zu berücksichtigen. Eine sektorenübergreifende Betrachtung begrüßte auch Herr Dr. Heckemann, der neben seiner Funktion bei der KVS auch im Unterausschuss Bedarfsplanung des GB-A engagiert ist. Als weiteren Kritikpunkt an dem vom IQTIG vorgelegten Entwurf zu planungsrelevanten Qualitätsindikatoren nannte Prof. Schmitt das Konzept der „Patientengefährdung“, das in erheblichem Widerspruch zur deutschen und internationalen Patientensicherheitsforschung stehe. Das Konzept des IQTIG bestrafe ein negatives Patientensicherheitsergebnis und erschwere damit ein produktives Risikomanagement, das auf Sicherheitskultur, also auf Struktur- und Prozessqualität setze. Diese Sichtweise teilte Frau Prof. Eberlein-Gonska ausdrücklich und hob noch einmal die zentrale Rolle der Indikationsqualität für die Gestaltung einer patientenzentrierten, bedarfsgerechten und angemessenen medizinischen Versorgung hervor. Die Anwesenden waren sich abschließend einig, dass hier der Aufbau einer soliden Datenbasis für die Planung und das Monitoring der Gesundheitsversorgung in Sachsen ein wegweisender Schritt sein kann und dass die Diskussion mit den Beteiligten zeitnah fortgesetzt werden muss. Alle Beteiligten erklärten hierzu ihre Bereitschaft.

Den Tagungsbericht zum Symposium "Bedarfsorientierte Versorgungsplanung" finden Sie im Ärzteblatt Sachsen 1/2017: http://www.slaek.de/media/dokumente/04presse/aerzteblatt/archiv/2017/01/0117_034.pdf