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Protonentherapie mit Zukunftspotenzial

Protonentherapie mit Zukunftspotenzial

Die Wissenschaft hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Damit wurden klinische Erfolge der ­Protonentherapie erhöht.

Die Strahlentherapie ist ein mittlerweile fest etabliertes Feld in der Behandlung onkologischer Erkrankungen. Noch bis vor einigen Jahrzehnten war sie jedoch relativ unpräzise. In den vergangenen ca. zwei Jahrzehnten hat die Wissenschaft maßgebliche Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht, und die konventionelle Therapie mit hochenergetischer Röntgenstrahlung hat sich zu einer sehr präzisen Bestrahlung entwickelt. Durch den Einsatz der Protonentherapie wird erwartet, dass gesundes Gewebe noch besser geschont und die klinischen Erfolge weiter erhöht werden können. Wo Potenziale in der Protonentherapie liegen und für welche Patienten sie in Frage kommt, erklärt Prof. Dr. Michael Baumann, Gründungsdirektor der Universitäts Protonen Therapie Dresden – Klinik für Strahlentherapie/OncoRay.

Interview mit Prof. Baumann

Worin besteht der Unterschied zwischen der als besonders schonend geltenden Protonentherapie und der bisher eingesetzten Strahlentherapie?

Schon heute lassen sich mit der Strahlentherapie viele Krebserkrankungen heilen. Doch der Einsatz der ultraharten Röntgenstrahlen hat überall dort Grenzen, wo sie das den Tumor umgebende Gewebe zu stark schädigen. Das ist unter anderem bei Krebsgewebe der Fall, das zu nahe am Rückenmark liegt oder im Gehirn auftritt und gleichzeitig eine hohe Strahlendosis benötigt. Auch können wir wieder auftretende Tumoren oft nicht noch einmal bestrahlen, weil das umliegende Gewebe durch die erste Therapie bereits stark belastet wurde.

Warum gelten diese Grenzen bei der Protonentherapie weniger?

Wir können den Protonenstrahl mitten im Tumor stoppen und dafür sorgen, dass er dort seine maximale Wirkung entfaltet. Dadurch lässt sich die Dosis der Bestrahlung erhöhen und trotzdem das gesunde Gewebe schonen. Denn der Strahl belastet das im Umfeld des Tumors befindliche gesunde Gewebe des Organismus deutlich weniger. Damit können wir die Bereiche, in denen der Protonenstrahl in den Körper des Patienten eintritt, besser schonen als diejenigen, die hinter der Krebsgeschwulst liegen.

Für Krebspatienten klingt das sehr vielversprechend. Bedeutet das eine Revolution in der Strahlentherapie?

So weit sind wir leider noch nicht. Nur bei wenigen Krebsarten sind die Vorteile der Protonentherapie gegenüber der Behandlung mit herkömmlicher Strahlentherapie bisher wissenschaftlich belegt worden. Unsere Aufgabe ist es nun, durch Kopf-an-Kopf-Vergleiche die Chancen und Grenzen der Strahlentherapie am Dresdner Uniklinikum zu untersuchen, um festzustellen, welche der Therapien auf lange Sicht für den Patienten besser ist.

Was aber ist mit Tumoren, die nicht „stillstehen“, sondern sich während der Therapie bewegen, etwa bei einem Lungenkarzinom durch die Atemtätigkeit?

Es gibt zahlreiche klinische Forschungsprojekte mit physikalischer Beteiligung, die der Frage nachgehen, wie man die Bewegung des Tumors bei der Behandlung berücksichtigen kann. Hierbei werden auch Ansätze erforscht, die Bestrahlung nur in dem Moment auszuführen, in dem der Tumor sich in einer genau festgelegten Position im Bereich des Strahls befindet. All diese Aktivitäten zielen darauf, den Tumor möglichst maximal zu schädigen und das  gesunde Gewebe zu schonen.

Welche Tumorarten werden in Dresden mit der Protonentherapie behandelt?

Das werden vor allem Tumoren im Hirn, an der Schädelbasis, im Kopf- und Halsbereich, der Lunge, der Speiseröhre, des hinteren Bauchraums, des Beckens und Tumoren bei Kindern sein. Ausschlaggebend ist vor allem die Lage der Krebsgeschwüre zu anderen lebenswichtigen Strukturen – etwa dem Rückenmark oder wichtigen Nerven. Die Tumoren müssen sich zudem in einem Stadium befinden, das die Heilung ermöglicht.

Wie viele Patienten werden von der Dresdner Protonentherapie profitieren?

Die maximale Kapazität unserer Anlage ist auf 400 bis 500 Patienten pro Jahr ausgelegt. Mit dieser Zahl werden wir aber nicht anfangen, sondern unsere Kapazität langsam hochfahren. Wenn sich die Behandlung aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht bewährt, haben wir später die Chance, die vorhandene Anlage um einen weiteren Behandlungsplatz zu erweitern.

Wie sieht die Protonentherapie der Zukunft aus?

Wir werden durch unsere wissenschaftliche Arbeit gemeinsam mit den anderen Fachrichtungen noch mehr erkennen, welcher Tumor besser durch eine Operation und welcher durch eine Protonentherapie behandelt werden kann. Es wird aber auch Erkenntnisse bezüglich Chirurgie und Strahlentherapie geben; getragen beispielsweise vom Gedanken des Funktionserhalts. Ein klassisches Beispiel: Bei Weichteilsarkomen wurden in den 1960er-Jahren generell die Extremitäten amputiert. Mein damaliger Chef in den USA stellte dieses Vorgehen in Frage. Sein Vorstoß, nur den sichtbaren Tumor mit einigem Sicherheitsabstand zu entfernen und anschließend zu bestrahlen, ist heute weltweit Standard in der Behandlung dieser Tumoren. Diesen Aspekt des Organ- und Funktionserhalts werden wir in Zukunft für viele andere chirurgische Bereiche Stück für Stück lernen. Ein großer Vorteil der Protonentherapie ist der Funktions- und Organerhalt. Zudem wird die Protonentherapie in Zukunft noch schonender und präziser arbeiten. Beispielsweise auch durch die Bewegungskorrekturen, die möglich sein werden. Ich erwarte in zehn oder 20 Jahren eine Strahlentherapie, die Tumoren noch effektiver vernichtet und gleichzeitig gesundes Gewebe schont.