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Phäochromozytom

KFO252_long

Labordiagnostik beim Phäochromozytom und bei Paragangliomen:
Ein Leitfaden für Patienten (Stand: 2012)

Professor Graeme Eisenhofer, PhD
Bereichsleiter Abteilung Klinische Neurochemie
Institut für Klinische Chemie und Labormedizin und Medizinische Klinik 3
Universitätsklinikum Dresden, 01307 Dresden,
Deutschland

Was sind Phäochromozytome und Paragangliome ?
Das Phäochromozytom ist ein Tumor der Nebenniere, eines paarigen hormonbildenden (»endokrinen«) Organs, welches den Nieren rechts und links eng aufsitzt. Die Nebennieren sind an der Regulation der Streßantwort, des Salz-Wasser-Haushaltes und des Blutdrucks beteiligt. Sie bestehen aus einer Rinde, in der Cortisol, Aldosteron und Androgene gebildet werden, und aus dem Mark, welches Adrenalin und Noradrenalin produziert. Phäochromozytome sind Tumore des Nebennierenmarks. Paragangliome bestehen aus ähnlichen Zellen wie das Phäochromozytom, sind im Unterschied zu diesem jedoch nicht in den Nebennieren lokalisiert. Am häufigsten findet man Paragangliome im Bauchraum aber auch im Brustkorb, Hals und Nacken. Sowohl das Phäochromozytom als auch Paragangliome vermögen eine Reihe spezifischer Hormone, sog. Katecholamine, zu bilden. Aus dieser Eigenschaft resultieren charakteristische klinische Symptome wodurch diese Tumore auffällig werden, allen voran Bluthochdruck, aber auch Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Herzrhythmusstörungen sowie Angst- und Panikattacken.

Was sind Katecholamine?
Unter dem Begriff der Katecholamine werden drei natürlich vorkommende biogene Amine, und zwar Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin, zusammengefasst. Bei Gesunden wird Adrenalin nahezu vollständig in den Nebennieren aus der Vorläufersubstanz Noradrenalin gebildet. Noradrenalin vermittelt als eine sogenannte Neurotransmittersubstanz die Reizübertragung zwischen Nervenendigungen des autonomen sympathischen Nervensystems und den Blutgefäßen, dem Herzen und anderen Organen des menschlichen Körpers. Die Vorläufersubstanz des Noradrenalins ist das Dopamin.

Welche Katecholamine werden von welchen Phäochromozytomen und Paragangliomen gebildet?
Die verschiedenen Katecholamine werden in Abhängigkeit von Differenzierungsgrad (»Entwicklungsgrad«) und Entstehungsort des jeweils vorliegenden Tumors in unterschiedlichen Mengen gebildet. Das ausschließlich in den Nebennieren lokalisierte Phäochromozytom bildet in etwa der Hälfte der Fälle Noradrenalin, in den übrigen Fällen in variablen Mengen sowohl Adrenalin als auch Noradrenalin. Im Gegensatz dazu bilden die im Bauchraum lokalisierten Paragangliome zum weitaus größten Teil nur Noradrenalin, gelegentlich zusätzlich Dopamin und ganz vereinzelt auch nur Dopamin. Paragangliome des Hals- und Nackenbereichs sind durch das völlige Fehlen einer nachweisbaren Bildung von Katecholaminen gekennzeichnet.

Welche Katecholamine rufen welche Symptome hervor?
Nur Adrenalin und/oder Noradrenalin-bildende Tumore treten klinisch mit Bluthochdruck und Symptomen wie Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen oder Herzrhythmusstörungen in Erscheinung. Dabei korrelieren die Art und Schweregrad der Symptome mit der Menge der in die Blutbahn ausgeschütteten Hormone. Ausschließlich Dopamin bildende Tumore rufen keinen Bluthochdruck und auch keine anderen der oben genannten Symptome hervor. Der Verdacht auf die Existenz eines solchen Tumores entsteht deshalb oft nicht durch die vom Patienten berichteten typischen Symptome, sondern oft auch zufällig bzw. wegen unspezifischer Beschwerden oder einer »Lokalsymptomatik« (z.Bsp. Schmerzen durch Verdrängungserscheinungen anderer Organe«).

Welche Laboruntersuchungen sind in der Diagnose des Phäochromozytoms und von Paragangliomen in Gebrauch?
Die biochemische Diagnose des Phäochromozytoms und von Paragangliomen beruht auf der Bestimmung der Katecholamine und ihrer Abbauprodukte (»Metabolite«) im Blut und im Urin. Die wesentlichsten Metabolite sind das Normetanephrin, ein Abbauprodukt des Noradrenalins, und das Metanephrin, das entsprechende Abbauprodukt des Adrenalins. Diese beiden Metabolite werden üblicherweise unter dem Begriff der „Metanephrine“ zusammengefasst. In wenigen spezialisierten Labors kann darüber hinaus auch ein Abbauprodukt des Dopamins, das Methoxytyramin, bestimmt werden. Eine weitere in der Vergangenheit regelmäßig und von einigen Labors auch heutzutage noch immer bestimmte Substanz ist die Vanillinmandelsäure (VMS). VMS ist das hauptsächlich in der Leber gebildete Endabbauprodukt von Noradrenalin und Adrenalin. VMS wird mit dem Urin ausgeschieden und kann dort gemessen werden. Letztendlich wird in der Diagnostik des Phäochromozytoms und von Paragangliomem auch noch die Bestimmung des Chromogranin A (CgA) durchgeführt. CgA ist weder ein Katecholamin noch eines ihrer Metabolite. Es wird jedoch von den gleichen Zellen in die Blutbahn ausgeschüttet, die auch die Katecholamine bilden, und kann im Blutplasma gemessen werden.

Welche Laboruntersuchungen sollten in der Diagnostik des Phäochromozytoms und von Paragangliomen durchgeführt werden?
Die Basislaboruntersuchung bei dem Verdacht auf das Vorliegen eines Phäochromozytoms oder von Paragangliomen sollte immer die Bestimmung der Metanephrine im Urin und/oder Blut umfassen.

Warum wird die Bestimmung von Katecholaminen nicht für die Diagnose des Phäochromozytoms und Paraganglioms empfohlen?
Katecholamine werden in Nervenzellen und deren Endigungen sowie den Zellen der Nebennieren in kleinsten, bläschenartigen Gebilden, den sog. Vesikeln, hochkonzentriert gespeichert. Der Inhalt dieser Vesikel wird kontrolliert ausgeschüttet, um Blutdruck und Puls zu regulieren und um kurzfristig auf Stressreize zu reagieren. Die Zellen von Phäochromozytomen und Paragangliomen speichern und schütten ebenfalls Katecholamine aus. Aus diesem Grund kann die Bestimmung der Katecholamine im Urin und Blut bei Menschen mit Stress stark erhöhte Werte ergeben, obwohl sie gar keinen entsprechenden Tumor haben. Andererseits erfolgt die Katecholaminausschüttung (»Katecholaminsekretion«) durch diese Tumore ungeregelt, manchmal überschießend oder nur schubweise. Deshalb können Patienten mit einem Phäochromozytom oder mit Paragangliomen sogar Normalwerte haben. Solche falsch-negativen Messergebnisse können die richtige Diagnose über lange Zeit verschleiern. Andererseits kann eine plötzliche massive Sekretion von Katecholaminen z.B. während der Geburtswehen, im Rahmen eines Unfallereignisses oder einer Operation oder auch infolge der Einnahme von Medikamenten oder Drogen gefährliche Blutdruckkrisen auslösen, die bis zum Tod der/des Betroffenen führen können.

Warum wird die Messung von Metanephrinen in der Diagnose empfohlen?
Wie bereits oben dargelegt werden Katecholamine in den Nervenendigungen, den Zellen der Nebenniere sowie den Zellen von Phäochromozytomen und Paragangliomen in kleinsten subzellulären Vesikeln hochkonzentriert gespeichert. Allerdings sind diese Vesikel für Katecholamine nicht völlig undurchlässig und es kommt deshalb zu einem kontinuierlichen Austritt geringer Katecholaminmengen in den Zellinnenraum (sog. Zytoplasma). Hier werden die ausgetretenen Katecholamine durch Enzyme rasch in Metanephrine umgewandelt, durchwandern die Zellwand und gelangen schließlich in die Blutbahn. Auch die aus den Speichervesikeln nach einem entsprechenden Reiz unmittelbar in die Blutbahn abgegebenen Katecholamine werden im weiteren Verlauf in Metanephrine umgewandelt. Ihre Menge liegt allerdings deutlich unter der, die durch den stetigen intrazellulären Abbau von Katecholaminen und dauerhaften Austritt in die Blutbahn entsteht. Die Konzentration der Metanephrine im Plasma wird daher hauptsächlich durch den aus dem intrazellulären Abbau der Katecholamine stammenden Anteil bestimmt und ist daher weitestgehend unabhängig von der regulierten aber sehr variablen normalen Katecholaminsekretion. Diesen Umstand kann man sich in der Diagnostik des Phäochromozytoms oder von Paragangliomen zunutze machen.

Wie steht es um die Vanillinmandelsäure – VMS?
Der Metabolismus der Katecholamine umfasst mehrere Abbauschritte und insgesamt drei mögliche Abbauwege. Die Bildung von Metanephrinen aus Noradrenalin und Adrenalin ist dabei der erste Schritt eines dieser drei Wege, der als Endabbauprodukt zur VMS führt. VMS wird nahezu vollständig in der Leber gebildet und schließlich im Urin ausgeschieden. Zu einem kleineren Teil entsteht VMS in der Leber aus Metanephrinen die aus dem zirkulierenden Blut aufgenommen werden, zum größeren Teil jedoch aus anderen Abbauprodukten von Katecholaminen aus anderen Quellen. Das ist auch der Grund, weshalb die Messung von VMS im Urin bei dem Verdacht auf das Vorliegen eines Phäochromozytoms oder von Paragangliomen nicht mehr empfohlen werden kann.

Wie steht es um das Chromogranin A – CgA?
CgA wird in denselben Vesikeln gespeichert wie die Katecholamine und wird auch zusammen mit diesen in die Blutbahn abgegeben. Die Plasmakonzentrationen von CgA verhalten sich infolgedessen analog zu denen der Katecholamine, d.h. die Messwerte können im Normbereich liegen, sofern ein Tumor seine Speichervesikel nicht entleert. Dennoch kann die Bestimmung von CgA unter bestimmten Bedingungen, die unten weiter aufgeführt sind, nützlich sein.

Worin unterscheiden sich die Messungen von Metanephrinen im Urin und im Blut?
Metanephrine, die im Urin nachgewiesen werden, unterscheiden sich sowohl qualitativ (Verhältnis und Art der Abbauprodukte) als auch quantitativ (Menge der Abbauprodukte) von den Metanephrinen im Blut. Dies hängt damit zusammen, dass die Metanephrine im Blut während der Passage durch die Leber fest mit einer zusätzlichen »Sulfatgruppe« verbunden werden, damit ihre Wasserlöslichkeit steigt und sie leichter über den Urin ausscheidbar sind. Trotz dieser Sulphatierung ist die diagnostische Aussagekraft der Metanephrine im Urin und Blut vergleichbar gut. Manche Ärzte bevorzugen die Messung im Urin, andere die im Blut. Die Bestimmung der Metanephrine im Blut mit hochwetigen Methoden ist in vielen Situationen vorteilhafter, jedoch sind diese Methoden nicht überall verfügbar. Darüber hinaus sind die Ergebnisse aus den urinmessungen stärker äußeren Einflüssen unterworfen und dadurch anfälliger für Fehler. In den Vereinigten Staaten erfolgt die Messung der Metanephrine heutzutage mit modernen Analyseverfahren wie der Hochdruck-Flüssigkeits-Chromatographie (HPLC), idealerweise kombiniert mit der Massenspektrometrie.

Wie sollte die Bestimmung der Metanephrine im Blut erfolgen?
Leider erfolgt die Blutentnahme zur Messung der Metanephrine häufig im Sitzen oder sogar im Stehen und nicht nach 20 Minuten in ruhender, liegender Position. Diese Vorgehensweise ist insofern kritisch zu sehen, als zur Aufrechterhaltung des Kreislaufs im Sitzen und mehr noch im Stehen eine dauerhafte Katecholaminsekretion erforderlich ist. Ohne diese wäre die Blutversorgung des Gehirns nicht ausreichend gewährleistet, und Ohnmachtsattacken könnten die Folge sein. Die liegende, stressfreie und ruhende Position vor der Blutentnahme reduziert die Katecholaminsekretion auf ein Minimum. Wird dagegen die liegende ruhende Position nicht eingehalten, können die Metanephrinwerte auch bei Gesunden Größenordnungen erreichen, wie sie beim Vorliegen eines Phäochromozytoms oder von Paragangliomen beobachtet werden, ohne dass ein solcher Tumor tatsächlich vorliegt. Die Messung würde ein falsch-positives Testresultat ergeben.

Vielfach werden Blutentnahmen bei Patienten und auch die Entnahme von Proben für die Bestimmung der Metanephrine aufgrund der einfacheren Durchführbarkeit im Sitzen durchgeführt. Diese Vorgehensweise ist vertretbar, wenn das auswertende Labor über die Entnahme in sitzender Position informiert ist und der behandelnde Arzt sich der Möglichkeit einer falsch-positiven Bestimmung bewusst ist. Sofern das Messergebnis einer im Sitzen entnommenen Blutprobe auf das Vorliegen eines Phäochromzytoms oder Paraganglioms hinweist, muss eine zweite Blutentnahme in liegender Position wie oben beschrieben nachgeholt werden, um damit das Vorliegen eines solchen Tumors definitiv zu bestätigen oder auszuschließen. Sofern die erste Messung einen Normalwert ergibt, sind keine weiteren Untersuchungen erforderlich.

Welche weiteren Maßnahmen sind vor einer Blutabnahme für die Bestimmung von Metanephrinen erforderlich?
Weitere Maßnahmen vor einer geplanten Bestimmung von Metanephrinen im Blut sind bis zu einem gewissen Grad zentrumspezifisch und werden unter anderem auch von der dort jeweils eingesetzten Messmethodik bestimmt. Üblicherweise werden Patienten darauf hingewiesen, auf Kaffee und Rauchen am Morgen der Blutentnahme zu verzichten. In manchen Zentren, insbesondere wenn auch Methoxytyramin bestimmt wird, erfolgt die Blutabnahme morgens nüchtern. Darüber hinaus kann es in Abhängigkeit von der eingesetzten Messmethode auch erforderlich sein, spezielle Medikamente, wie z.B. Paracetamol, für eine gewisse Zeit nicht einzunehmen.

Was ist bei der Bestimmung der Metanephrine im Urin zu beachten?
Die Bestimmung der Metanephrine im Urin erfolgt normalerweise im 24-h Sammelurin. Das Messergebnis wird als Menge in der jeweiligen Einheit/Tag angegeben. Die Sammelperiode beginnt nach morgendlicher Leerung der Blase. Das heißt, der erste Morgenurin zu Beginn der Sammelperiode wird verworfen. Die Sammlung endet am Folgetag mit dem jetzt auch gesammelten Morgenurin. Während der gesamten Sammelperiode sollten anstrengende Arbeiten nicht ausgeführt und eine Reihe definierter Medikamente nicht eingenommen werden, um falsch-positive Messergebnisse infolge einer dadurch gesteigerten Katecholaminsekretion aus Nervenendigungen und den Nebennieren zu vermeiden. Wichtig ist, dass tatsächlich der gesamte während einer Sammelperiode gelassene Urin in dem ausgehändigten speziellen Sammelbehälter aufgefangen wird. Der gesammelte Urin sollte dann so rasch wie möglich in die Klinik oder das Labor gebracht werden, wo die Messungen erfolgen. Verglichen mit einer Blutabnahme ist die Bestimmung der Metanephrine im Sammelurin für das Personal einer Ambulanz wenig arbeits- und zeitaufwendig. Der Patient hingegen ist mehr gefordert. Er muss wenigstens zwei Wege auf sich nehmen. Einen, um den leeren Urinsammelbehälter abzuholen und dann wieder einen, um den vollen Sammelbehälter abzugeben. Außerdem geben manche Zentren zusätzliche Anweisungen, z.B. wie der Urin mit Konservierungsstoffen, u.a. konzentrierter Salzsäure, zu versetzen ist.

Wie sind die Messwerte zu beurteilen?
Die Entscheidung darüber, ob ein positives oder negatives Testergebnis vorliegt, also ob ein Tumor vorliegt oder nicht, hängt von den im Labor etablierten Referenzintervallen und dem oberen Grenzwert des jeweiligen Tests ab. Es ist üblich, diese Referenzintervalle mit Hilfe einer sogenannten »Referenzpopulation« (freiwille Personen, die nachgewiesener Maßen keine Erkrankung haben) mit wenigstens 120 gesunden Freiwilligen festzulegen. Die oberen und unteren Grenzwerte werden typischerweise bei dem 2,5% und 97,5% Perzentil bzw. durch das 95% Konfidenzintervall des Mittelwertes der Population bestimmt. Es ist folglich davon auszugehen, dass 2,5 % aller Patienten ohne die Krankheit Werte oberhalb des Intervalls und 2,5% aller Patienten Werte unterhalb dieses Intervalls aufweisen. Erhöhte Werte beweisen daher keinen Tumor, erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher vorliegt. Im Falle der Metanephrine sind die oberen Grenzwerte allerdings weit über diesem Konfidenzintervall festgelegt.

Für die Diagnose des Phäochromozytoms oder von Paragangliomen ist der obere Grenzwert des Referenzintervalls so zu wählen, dass die Werte aller Patienten mit einem solchen Tumor oberhalb dieses Grenzwertes liegen. Damit kann man sich sicher sein, dass bei einem normalen Testergebnis ein Tumor ausgeschlossen ist. Da allerdings nicht in allen Labors für die Bestimmung der Referenzintervalle die Blutentnahmen ausschließlich im Liegen und unter den oben aufgeführten weiteren Bedingungen durchgeführt wurden, können diese Referenzintervalle zu hoch sein und ein Tumor im Falle eines negativen Tests nicht sicher ausgeschlossen werden. Die Situation ist dadurch noch zusätzlich kompliziert, weil im Falle der Bestimmung der Metanephrine sowohl das Metanephrin als auch das Normetanephrin im Normbereich liegen müssen, um einen Tumor sicher auszuschließen. Außerdem steigen mit zunehmendem Alter die Normalwerte von Noradrenalin an, und entsprechend verlagert sich der Referenzbereich für Normetanephrin altersabhängig nach oben. So ist der obere Grenzwert für Noradrenalin bei Kindern derzeit mit 0,55 nmol/l (100 pg/ml) anzunehmen. Bei Patienten älter als 50 Jahre liegt dieser Wert bei 0,9 nmol/l (165 pg/ml).

Sind normale Messwerte im Blut oder Urin ausreichend, um einen Katecholamin-produzierenden Tumor sicher auszuschließen?
Dies hängt von den Umständen ab, die die Vermutung eines Katecholamin-produzierenden Tumors aufkommen haben lassen. Laboruntersuchungen zum Ausschluss oder Nachweis eines Phäochromozytoms oder Paraganglioms werden aus unterschiedlichsten Gründen veranlasst. Die häufigste Indikation ist die Abklärung einer arteriellen Hypertonie (Bluthochdruck) mit anfallsartigen Blutdruckspitzen und möglicherweise weiteren Symptomen wie Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen und Herzrhythmusstörungen. Eine weitere Indikation sind arterielle Hypertonien, welche selbst unter dem Einsatz einer hochdosierten Mehrfach Blutdruckmedikation nicht beherrschbar sind. In beiden Fällen sollte die Ursachenklärung die Bestimmung der Metanephrine im Urin und/oder im Blut umfassen. Sofern kein Messfehler vorliegt und die Referenzintervalle richtig bestimmt wurden, kann mit einem normalen Testergebnis, also mit einem Metanephrin- und Normetanephrinwert im Normbereich, in derartigen Fällen ein Phäochromozytom oder Paragangliom sicher ausgeschlossen werden. Weitere Tests sind dann nicht erforderlich. Im Falle erhöhter Werte muss dagegen die Diagnostik ausgeweitet werden, um einen Tumor sicher auszuschließen oder bestätigen zu können.


Gibt es Umstände, bei denen ein individualisiertes Vorgehen angezeigt ist?
Laboruntersuchungen zum Ausschluss oder Nachweis eines Phäochromozytoms oder Paraganglioms können auch bei Patienten angezeigt sein, die keine arterielle Hypertonie oder andere auf einen solchen Tumor hindeutende Symptome aufweisen. Zu diesen Patienten gehören vor allem diejenigen mit einem in der Vergangenheit nachgewiesenen und operativ entfernten Phäochomozytom oder Paragangliom. Da die Möglichkeit eines Wiederauftretens der Erkrankung oder sogar eines bösartigen Verlaufs niemals völlig ausgeschlossen werden kann, gehören die regelmäßige Bestimmung der Katecholamine und Metanephrine bei diesen Patienten zum Nachsorgeprogramm. Eine zweite Indikation für die Bestimmung der Katecholamine und Metanephrine besteht bei Patienten, bei denen mittels Sonographie, Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zufällig ein Tumor der Nebennieren (z.B. ein sogenanntes »Inzidentalom«), oder eine andere mit einem Paragangliom vereinbare Raumforderung nachgewiesen wurde. In solchen Fällen muss mittels Labordiagnostik untersucht werden, ob es sich dabei um einen Katecholamin-produzierenden Tumor handelt. Schließlich besteht eine Indikation für die Bestimmung der Katecholamine und Metanephrine bei Patienten und deren direkten Verwandten mit einer nachgewiesenen Genmutation, die mit einem gehäuften Auftreten eines Phäochromozytoms oder von Paragangliomen vergesellschaftet ist. Bei diesen Patienten ist allerdings im Einzelfall die Bestimmung der Katecholamine und Metanephrine im Urin und Blut als alleinige Vor- oder Nachsorgeuntersuchung nicht ausreichend, und die weiter unten aufgeführten zusätzlichen Untersuchungen können erforderlich werden.

Welches individualisierte Vorgehen ist im Rahmen der Labordiagnostik bei Patienten mit Keimbahn-Mutationen von Tumorgenen angezeigt, die mit der Entstehung eines Phäochomozytoms oder von Paragangliomen assoziiert sind?
Es ist gegenwärtig unbestrittener Bestandteil der ärztlichen Versorgung von Patienten mit Keimbahn-Mutationen von Tumorgenen, die mit der Entwicklung eines Phäochomozytoms oder von Paragangliomen einhergehen, bei diesen unabhängig von einem manifesten Bluthochdruck oder anderen hinweisenden Symptomen regelmäßig laborchemische Untersuchungen zum Ausschluss oder Nachweis eines solchen Tumorleidens durchzuführen. Die Art und der Umfang dieser in ein- bis zweijährigen Abständen durchzuführenden Untersuchungen ist abhängig von der jeweils vorliegenden Mutation. Lediglich im Falle einer Neurofibromatose Typ 1 kann von dieser Regel abgewichen werden. Die Wahrscheinlich des Auftretens eines Phäochromozytoms liegt bei diesen Patienten bei unter 2% und ist damit so niedrig, dass ohne weitere hinweisende Symptome auf regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen in den oben genannten Zeitabständen verzichtet werden kann.

Phäochromozytome oder Paragangliome, die im Rahmen einer Genmutation auftreten, können in Abhängigkeit von der jeweiligen Mutation charakteristische Eigenschaften aufweisen, die es erlaubt sie in Grenzen bereits klinisch und laborchemisch einzuordnen und zu unterscheiden. Diese Eigenschaften betreffen z.B. die vorrangig gebildete Katecholaminart, aber auch z.B. die Häufigkeit, mit der bösartige Phäochromozytome oder Paragangliome bei diesen Patienten entstehen. Zum Beispiel besteht bei Patienten mit einer Mutation im Succinat-Dehydrogenase B (SDHB) –Gen ein besonders hohes Risiko der Entwicklung maligner Tumore. Die hauptsächlich bei Patienten mit diesen Tumoren nachgewiesenen Katecholamine sind das Noradrenalin und Dopamin und gelegentlich auch nur Dopamin. Die Labordiagnostik bei diesen Patienten sollte aber immer auch die Bestimmung von Normetanephrin und Methoxytyramin einschließen, wobei die Bestimmung von Methoxtyramin nur in wenigen spezialisierten Zentren möglich ist. Die Messung von Chromogranin A kann hilfreich sein, bei Patienten mit sehr undifferenzierten Tumoren, die keine Katecholamine bilden. Um solche nicht-funktionellen Paragangliome aufzuspüren, kann es auch erforderlich werden, zusätzliche moderne szintigraphisch-computertomographische Bildgebungsverfahren einzusetzen.

Von diesen tumorspezifischen Eigenschaften abgesehen, bergen einige der Mutationen, die mit der Bildung von Phäochromozytomen oder Paragangliomen vergesellschaftet sind, ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung völlig andersartiger maligner Tumore. Diese Zusammenhänge müssen bei den regelmäßigen Vor- und Nachsorgeuntersuchungen stets mitberücksichtigt werden. Dies geschieht am besten in einem Zentrum, welches auf die Behandlung von Phäochromozytomen und Paragangliomen spezialisiert ist.

Wo sollten die laborchemischen und klinischen Untersuchungen erfolgen?
Grundsätzlich können zur Abklärung einer arteriellen Hypertonie und von Symptomen, die für das Vorliegen eines Katecholamin-produzierenden Tumors sprechen, die erforderlichen Laboruntersuchungen zunächst durch jeden in der Diagnostik von endokrinen Tumoren erfahrenen Arzt erfolgen, der eine Expertise auf dem gebiet der Hormondiagnostik besitzt. Die Laboruntersuchungen sollten in einem akkreditierten Labor durchgeführt werden, in dem Metanephrine im Urin und im Blut gemessen werden können. Die individualisierte Betreuung von Patienten sollte dagegen immer in enger Absprache und Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Zentrum mit Speziallabor erfolgen. Die Ärzte und das Pflegepersonal eines solchen Zentrums sollten erfahren sein mit den verschiedenen Spielarten Katecholamin-produzierender Tumore, ihren sporadischen und hereditären Varianten, den bestmöglichen diagnostischen Methoden, speziellen Fragen in besonderen Situationen wie z.B. bei Begleiterkrankungen, Operationen oder Schwangerschaft sowie in der prä- und postoperativen Betreuung. Eine besondere Expertise des Zentrums sollte auch bestehen hinsichtlich der operativen Verfahren. Dazu gehören vor allem umfangreiche Erfahrungen in laparoskopischen Techniken und die nebennierenerhaltende Chirurgie, wann immer diese angezeigt und möglich ist. Auf diese Weise kann die Zusammenarbeit mit einem spezialisierten Zentrum dazu beitragen, modernste Medizin zum Wohle des betroffenen Patienten effizient und zeitnah gezielt zur Anwendung zu bringen.