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Medikamentöse Therapie bösartiger Erkrankungen


1.Einleitung
2.Therapieprinzipien
3.Durchführung der Chemo-, Hormon- oder Immuntherapie
4.Wirkung der Chemo-, Hormon- oder Immuntherapie
5.Nebenwirkungen
6.Schlussbemerkung



1. Einleitung

Als Behandlungsformen bösartiger Erkrankungen kommen die Operation, die Strahlentherapie und die medikamentöse Therapie in Frage.
Die medikamentöse Therapie wird oft im Zusammenhang mit einer Operation oder Bestrahlung zur Verkleinerung des Tumors vor einer anderen Therapieform (= neoadjuvant) oder zur Sicherheit bei fortgeschritteneren Tumoren nach einer anderen Therapieform angewandt (= adjuvant). Eine alleinige Chemotherapie kann bei Keimzelltumoren (z.B. Hodentumor und bestimmten Leukämieformen) sehr häufig eine Heilung bewirken, bei den meisten Erkrankungen, bei denen eine Chemotherapie angewandt wird, handelt es sich jedoch um eine Behandlung zur Tumorverkleinerung oder zur Verlangsamung des Wachstums, die nur in wenigen Fällen Heilung bringt.
Beispielsweise bei Patienten mit sehr weit fortgeschrittenen oder bereits metastasierten Tumoren (Tumoren mit Tochtergeschwülsten in Lymphknoten oder anderen Organen) wird die Therapie meist nur eine zeitlich befristete Verkleinerung des Tumors oder einen ebenso zeitlich befristeten Wachstumsstillstand bzw. ein langsameres Fortschreiten der bösartigen Erkrankung erreichen. Im Idealfall kann auch hier eine Heilung bewirkt werden (fast immer z.B. beim Hodentumor), meist wird maximal eine Verbesserung der Tumorsymptome oder eine Verlängerung der Überlebenszeit das Ergebnis sein.
Die medikamentöse Therapie bösartiger Erkrankungen beinhaltet im Wesentlichen die Chemotherapie, die Hormontherapie und die Immuntherapie. Eine Unterscheidung zwischen gutartigem und bösartigem Gewebe ist den momentan im Routineeinsatz befindlichen Substanzen noch nicht möglich. Darum beeinflussen diese Medikamente nicht nur das Wachstum von Tumorzellen, sondern auch von normalen Geweben.
In dem halben Jahrhundert, seit die ersten diesbezüglichen Therapieansätze entwickelt wurden, hat man die entsprechenden Medikamente allerdings weiterentwickeln können, und die Nebenwirkungen auf körpereigene gutartige Gewebe minimiert. Gerade im Bereich der Immuntherapie werden zunehmend Möglichkeiten eröffnet, die dazu führen werden, dass es in den nächsten Jahrzehnten Zellgifte geben wird, die spezifisch nur noch Tumorzellen abtöten.

2. Therapieprinzipien

Bevor die medikamentöse Therapie einer bösartigen Erkrankung begonnen werden kann, muss sie genau geplant werden. Es gibt sehr viele verschiedene antineoplastische (gegen bösartige Neubildungen) Medikamente, für die einzeln oder in Kombination mit anderen Medikamenten eine besonders gute Wirksamkeit bei bestimmten Krebserkrankungen nachgewiesen ist. So wird z.B. eine bösartige Erkrankung der Harnblase ganz anders behandelt als eine bösartige Erkrankung der Niere oder der Prostata. Auch die Dosierung der Medikamente unterliegt bestimmten Regeln, die man anhand von Studienergebnissen festgestellt hat.
Hier muss die Dosis so abgestimmt werden, dass eine optimale Wirkung gegen das bösartige Gewebe erzielt wird, ohne das normale Gewebe zu sehr zu schädigen. Die Dosisfindung erfolgt meist anhand einer festgelegten Menge, die man auf die Körperoberfläche oder auf die Nierenfunktion hochrechnet. Ein Therapieschema ist zusätzlich noch an einen sich wiederholenden Zeitplan gebunden, den man Zyklus oder Serie nennt. In diesem wird festgelegt, in welchen Abständen die Medikamente verabreicht werden. In Abhängigkeit vom Stadium der Erkrankung und vom Alter und Allgemeinzustand des Patienten, liegen für verschiedene Erkrankungen verschieden hoch dosierte Schemata und Medikamentenkombinationen vor, die individuell abgestimmt werden.
So können einem abgesehen von der Tumorerkrankung gesunden Patienten, dessen Tumor sich in einem potentiell heilbaren Stadium befindet, wesentlich höhere Dosen zugemutet werden, als einem Patienten mit beispielsweise verminderter Nierenfunktion, der einen sehr fortgeschrittenen nicht mehr heilbaren Tumor hat. Im ersten Beispiel (kurativ = heilend) können stärkere Nebenwirkungen in Kauf genommen werden, da eine Heilung zu erreichen ist. Im zweiten Beispiel (palliativ = lindernd) sollten die Nebenwirkungen gering gehalten werden, um die Lebensqualität in der verbleibenden Zeit nicht durch starke Nebenwirkungen unnötig zu verschlechtern . Auch eine Umstellung der Therapie ist möglich, wenn ein Tumor, bei dem zunächst eine Heilung möglich erschien, doch nicht entsprechend auf die vorherige Behandlung angesprochen hat.
Manche Medikamente können bei bestimmten eingeschränkten Organfunktionen nicht oder nur dosisreduziert verabreicht werden, um die Funktion der entsprechenden Organe nicht vollständig zum Erliegen zu bringen. Bei anderen Medikamenten gibt es Höchstgesamtdosen, nach deren Erreichen diese Medikamente lebenslang nicht mehr gegeben werden dürfen, da sonst irreversible Organschädigungen auftreten würden.

3. Durchführung der Chemo-, Hormon- oder Immuntherapie

Je nach der zugrundeliegenden Erkrankung (Zellart und -bild des Tumors), dem Therapieziel (kurativ [heilend] oder palliativ [lindernd]),der Wirksamkeit und Toxizität („Giftigkeit“) der Medikamente unterscheidet man zwischen verschiedenen Darreichungsformen und Betreuungsmöglichkeiten.
Manche Medikamente liegen in Tablettenform vor und manche Medikamente müssen subkutan (unter die Haut) oder intramuskulär (in die Muskulatur) gespritzt werden.
Die Mehrzahl der entsprechenden Präparate liegt allerdings in Infusionsform vor. Einige Therapieformen setzen einen mehrtägigen stationären Aufenthalt voraus, meist ist eine teilweise oder sogar insgesamt ambulante Durchführung möglich. Bei Auftreten von Nebenwirkungen können sogenannte supportive (unterstützende) Maßnahmen getroffen werden.
Hierzu gehört die Verabreichung von anderen Medikamenten, die die Übelkeit vermindern, das Knochenmark zur Bildung von Blutzellen anregen oder die bestimmte Organsysteme vor den Nebenwirkungen der Therapie schützen.

4. Wirkung der Chemo-, Hormon- oder Immuntherapie

Zytostatika (Chemotherapie) greifen an verschiedenen Punkten in die DNS-Produktion (Erbgut der Zelle) oder den Teilungszyklus (Zellvermehrung) insbesondere der Tumorzellen ein. So werden nicht mehr funktionsfähige Zellen produziert, die sich selbst vernichten oder vom Körper vernichtet werden können.
Hormontherapeutika haben eine Wirkung, die die körpereigene Produktion bestimmter Hormone entweder unterdrückt oder antreibt, beziehungsweise die Zellen der entsprechenden Erfolgsorgane gegenüber diesen Hormonen sensibilisiert oder abblockt. Es handelt sich meist um Eingriffe in den Regelkreis männlicher oder weiblicher Sexualhormone.
Bei der Immuntherapie wird entweder das gesamte körpereigene Immunsystem zu Höchstleistungen gebracht, um besser gegen körperfremde Gewebe arbeiten zu können, oder wenn möglich eine spezielle Abwehr gegen bestimmte Zellen induziert.

5. Nebenwirkungen

Die unerwünschten Wirkungen entstehen hauptsächlich durch den Einfluss der Therapie auf schnellwachsende Gewebe.
Dies sind in erster Linie Tumorgewebe, aber auch das Knochenmark, die Haarfollikel, die Schleimhäute und die Vermehrungsorgane.
Beispielhafte (meist reversible) Folgen:


Knochenmark:  Anämie (Armut an roten Blutkörperchen - schlechterer Sauerstofftransport)
Leukopenie (Armut an weißen Blutkörperchen – verminderte Immunabwehr)
Thrombopenie (Armut an Blutplättchen – Blutungsneigung)
Haarfollikel:  Haarausfall
Schleimhäute:  Mukositis (Entzündung und erhöhte Verletzlichkeit der Schleimhäute)
Geschlechtsorgane:  Infertilität (Unfruchtbarkeit)
Wirkung auf das zentrale Nervensystem:  Übelkeit, Brechreiz

Längere Zeit nach einer hochdosierten Chemotherapie können durch die Chemotherapie induzierte andere Tumoren auftreten.

Beispiele für Erkrankungen und medikamentöse Therapieformen, die in der Klinik und Poliklinik für Urologie des Universitätsklinikums Dresden durchgeführt werden:


Fortgeschrittenes Prostatakarzinom:  Hormontherapie
Chemotherapie
kombinierte Chemo-/Hormontherapie
Fortgeschrittener maligner (= bösartiger) Blasentumor
Fortgeschrittener maligner Nierenbeckentumor
Fortgeschrittener maligner Harnleitertumor:  Chemotherapie
Fortgeschrittenes Nierenzellkarzinom:  Immuntherapie
kombinierte Immun-/Chemotherapie
Fortgeschrittener maligner Nebennierentumor:  Chemotherapie
Fortgeschrittener maligner Keimzelltumor (z.B. Hodentumor):  Chemotherapie
Fortgeschrittenes Peniskarzinom:  Chemotherapie

6. Schlussbemerkung

Nicht nur bei operativen, sondern auch konservativen Therapieformen ist die Qualität der Behandlung stark von der Expertise des jeweiligen Therapeuten abhängig.
Nicht nur die Beherrschung von Nebenwirkungen, sondern auch die Ergebnisse der Therapie an sich steigen mit der einschlägigen Erfahrung des jeweiligen Therapiezentrums. Dies kann im Einzelfall über Leben oder Tod entscheiden.
Zunehmende Erfahrungen mit der Wirkung und den Nebenwirkungen der Therapie, sowie innovative neue Medikamente oder sogar Therapieformen (z.B. Gentherapie) bedeuten ständige Verbesserungen in der Kontrolle von bösartigen Erkrankungen und Heilungsaussichten auch bei Krebserkrankungen, denen bisher eine palliative Therapie vorbehalten ist.
Vor einer breiten Anwendung dieser Medikamente steht aber die Zulassung, die klinische Prüfungen in Form von kontrollierten Therapiestudien voraussetzt. In diesen Studien wird meist bei Erkrankten die Standardtherapie gegen eine vielversprechende Neuerung getestet. Als Teilnehmer einer klinischen Studie sind Sie immer unter optimaler Betreuung und keinesfalls ein „Versuchskaninchen“.

Wenn bei Ihnen eine Behandlung wegen einer bösartigen Erkrankung notwendig sein sollte, so fragen Sie nach der einschlägigen Erfahrung des Behandlers und erklären Sie Ihren Wunsch – falls möglich – an einer Studie teilnehmen zu wollen.