Kulturwandel notwendig
Obwohl Individuen von Natur aus lernen, tun dies Organisationen nicht ohne äußeren und inneren Druck, der wider besseren Wissens bestehende Partikularinteressen überwindet . Dabei ist der engagierte Einsatz qualifizierter und in der Unternehmenskultur einflussreicher Personen erfolgsentscheidend . Deshalb ist es unabdingbar, dass der notwendige Kulturwandel, der erfahrungsgemäß Jahre in Anspruch nimmt, durch Information und abgestimmte nachhaltige Personalführung von den Chef- und Oberärzten überzeugend vorgelebt wird .
An unserer Klinik wird jährlich ein Führungskräfteentwicklungsworkshop verpflichtend für alle Oberärzte und Bereichsleiter durchgeführt . Diese Workshops greifen Probleme auf, die in Mitarbeiterbefragungen identifiziert wurden und trainieren Führungskompetenzen.
Die Gründe des Wiedereinstiegs von Frauen nach familienbedingter Abwesenheit vom Arbeitsplatz liegen in ihrem Wunsch nach Weiterentwicklung im Beruf, der Spaß macht und in den bereits erheblich investiert wurde (persönlich und volkswirtschaftlich), Selbstverwirklichung, Selbstachtung, finanzieller Unabhängigkeit und sozialer Kommunikation . Wer eine Familie über Jahre erfolgreich organisiert, leitet und motiviert, der eignet sich Führungsqualitäten an. Obwohl diese Fähigkeiten, die Eltern erlernen, in der Anästhesie wertvolle Crew Ressource Management Kompetenzen darstellen, ist die Akzeptanz von Familienkarrieren ein immer noch weit verbreitetes Problem. Insbesondere in der konservativ und hierarchisch geprägten Medizin verbindet sich mit dem Gedanken an die Elternzeit die Sorge, dass Kollegen und Vorgesetzte dies als mangelnden Karriere- und Einsatzwillen auslegen und berufliche Nachteile folgen . Durch die allerdings vergleichsweise flachen Hierarchien in der Anästhesie und abgeschlossene zeitlich umrissene Verantwortungsbereiche, eignet sich unser Fach besonders für Familienkarrieren . Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass die Anforderungen in der Anästhesie wie die ständige Bedrohung durch Not- und Zwischenfälle von Frauen stärker als Bedrohung empfunden werden als von Männern . Dabei schränkt die Doppelbelastung von Intensivärztinnen in Beruf und Familie ihre Möglichkeiten der Stressbewältigung gegenüber den männlichen Kollegen ein , die ihrerseits zu einem höheren Anteil von emotionaler Unterstützung seitens ihrer Familie profitierten. Ziel muss es demnach sein, dazu beizutragen, diese Doppelbelastung unserer Mitarbeiterinnen durch familienfreundliche Maßnahmen aufzufangen um letztlich auch wieder mentale Kapazitäten für den Beruf freizulenken.